Dein Bürostuhl ist dein bester Achtsamkeitstrainer

Achtsamkeit ist für mich eine Haltung, die in vielen Situationen hilfreich sein kann. Vielleicht lässt sich Achtsamkeit auch ganz gut mit den vielseitigen Einsatzmöglichkeiten eines Schweizer Taschenmessers oder einem Schraubenzieher vergleichen. Es sind nützliche Gegenstände. Und manchmal wird man überrascht, wofür man sie gebrauchen kann.

Kürzlich wollte ich zwei zusammengeklebte Kanthölzer wieder voneinander trennen. Viele Gedanken habe ich mir dazu gemacht, wie das wohl am besten gehen könnte. Ein großer Schraubenzieher hat das Problem sehr leicht gelöst. Man kann auch den Abfluss mit einem starken Wasserstrahl und einem Schraubenzieher prima säubern. Das habe ich mal von einem Hausmeister gelernt.

Aber ich möchte heute gar nicht so viel vom Heimwerken berichten. Mir geht es heute darum, dir zu erzählen, wie auch mich der Wert (oder vielleicht auch Nutzen) von Achtsamkeit immer wieder überrascht. Denn auch ich habe Gewohnheiten, die mir noch gar nicht bewusst sind oder lange Zeit nicht bewusst waren. So ist es zum Beispiel mit meinem Stuhl am Schreibtisch.
Dieser Platz in meinem Zuhause liegt mir sehr am Herzen. Es ist die schöne Tischplatte aus Holz, die diesen Ort für mich so angenehm macht. Der hölzerne Stuhl ist der passende Partner für diesen Tisch. In meiner Vorstellung ist kein Platz für einen neuen Stuhl, denn dieser Stuhl ist perfekt. Er ist wunderschön und ist für meinen Rücken eine gute Stütze. Doch das ist nur das, was in meiner Vorstellung passiert.

Und was passiert tatsächlich, wenn ich all die Gedanken weglasse und bei der konkreten Erfahrung bleibe? Wenn ich in meinen Körper hineinspüre, bemerke ich schon seit einiger Zeit Verspannungen in der Rückenmuskulatur und im Nacken. Sie sind nicht ganz gleichmäßig ausgeprägt. Auf der linken Seite sind sie etwas deutlicher spürbar. Ich bemerke, wie die Rückseite meiner Oberschenkel auf der Sitzfläche aufliegt. Es ist ein leichter Druck. Ich versuche so oft wie möglich dynamisch zu sitzen und die Position zu verändern. Mit meinem Sitzkissen gelingt es mir gut. Ohne das Kissen ist es unmöglich, auf der harten Sitzfläche dynamisch zu sitzen. Natürlich ist langes Sitzen nicht gut für den Körper, die Haltung und die Gesundheit. Doch ich war heute stundenlang im Garten und habe mich viel an der frischen Luft bewegt. Ich mache regelmäßig Übungen, um meinen Körper zu pflegen. Mein Rücken schmerzt dennoch.

Dann wird mir plötzlich klar: Der Stuhl passt nicht mehr in mein Leben.

Vielleicht sitze ich falsch. Vielleicht hat mein Körper sich verändert und passt nicht mehr zum Stuhl. Vielleicht sitze ich auch länger am Schreibtisch als sonst. Was auch immer es ist, jetzt wird mir klar, dass ich einer Vorstellung auf den Leim gegangen bin! Was habe ich diesen Stuhl verteidigt! Er ist schon sehr alt und hat schon einiges durchgemacht. Er hat schon viele Veränderungen und Umzüge miterlebt und mich zuverlässig begleitet. Und nun? Nun passt er nicht mehr in mein Leben. 

Ich bemerke, wie in mir Widerstand auftaucht. Ich will es einfach nicht glauben, dass mein Lieblingsstuhl nicht mehr passen soll. Doch wenn ich nach innen lausche und meinem Körper vertraue, spüre ich es ganz deutlich: Die gemeinsame Zeit ist vorbei. Sie fortzuführen wäre schlicht gesundheitsschädlich.

Wie so oft, kommt dann gleich der zweite Pfeil hinterher: Es genügt nicht, dass ich schon seit einiger Zeit Rückenschmerzen habe. Nein, nun schäme ich mich auch noch dafür, dass es so lange gedauert hat, bis ich es bemerkt habe. 

Weil ich es immer noch nicht glauben kann, recherchiere ich noch ein weiteres Mal zum ergonomischen Sitzen und geeigneten Stühlen. Mein Kopf kann es immer noch nicht glauben, dass mein Körper recht haben soll. Doch plötzlich macht alles Sinn: Die vielen einzelnen Datenpunkte, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe, ergeben ein klares Bild: Auch wenn der Stuhl wunderschön ist und ich mir keinen besseren Schreibtischstuhl vorstellen kann: Die Zeiten dieses Stuhls sind vorbei.

Als diese Erkenntnis dann wirklich in meinem Kopf angekommen war, suchte ich online nach Möglichkeiten, wie ich meinem Sitzproblem beikommen könnte. Ein neuer Stuhl war schnell gefunden. Doch ob er wirklich passen würde? Zweifel kamen in mir hoch. Noch dazu bin ich ja gerade in meinem Vertiefungsjahr. Also sind Neuanschaffungen eigentlich erstmal tabu. Und so vertagte ich die Entscheidung und blieb mit meiner Erkenntnis, den gesammelten Informationen und meinen Rückenschmerz erstmal sitzen.

Wie so oft erscheinen die Dinge mit etwas Abstand und bei Licht betrachtet ganz anders. So war es auch bei meinem Stuhl. Schon einen Tag später kam der rettende Gedanke: Natürlich kann ich einen neuen Stuhl kaufen! Warum denn auch nicht, wenn es meiner Gesundheit gut tut. Vertiefungsjahr hin oder her – niemand muss Schmerzen aushalten, die sich vermeiden lassen.
Dann schaute ich mir den Stuhl, den ich mir ausgesucht hatte, genauer an. Er war gar nicht so anders als mein aktueller Stuhl. Nur die Neigung der Sitzfläche war etwas schräger und die Sitzschale weicher. Auf diesen Gedanken folgte eine Idee, wie ich meinen aktuellen Stuhl mit ein paar Handgriffen so anpassen könnte, dass er gut passt. An Material brauchte ich dafür nur eine Holzleiste, die ich in unseren Holzresten fand. Auch die beiden Löcher waren schnell gebohrt und schon stimmte der Winkel genau. „Jetzt sitze ich wie auf meiner Meditationsbank”, dachte ich und freute mich darüber. Ganz automatisch geht mein Rücken in die aufrechte Haltung. Nun fehlte nur noch ein passendes Polster. Ein Kissen dafür war auch schnell gefunden und wurde erfolgreich umfunktioniert. Alles, was es dafür brauchte, waren ein paar Gedanken und etwas Zeit. Nun bin ich richtig zufrieden, dass ich meinen alten Stuhl doch nicht weggeben muss. Er darf mich noch weiter auf meinem Weg begleiten – bis er wirklich nicht mehr passt. Das Vertiefungsjahr und eine achtsame Haltung haben dazu beigetragen, diese Situation nachhaltig zu lösen.

Ich habe mich von Ärzten durchchecken lassen und war bei der Physiotherapie. Regelmäßige und gezielte Kräftigungsübungen haben meinen Alltag bestimmt. Ich habe noch mehr am Schreibtisch gestanden als gesessen und mehr Abwechslung in meinen Alltag gebracht. Doch das alles hat nichts geholfen. Bitte versteh mich nicht falsch. Zum Arzt zu gehen, wenn man Schmerzen hat, ist wichtig. Bestimmt sitzen die meisten von uns zu viel im Alltag und deshalb ist Bewegung immer eine gute Idee. In diesem Fall konnten all diese Maßnahmen jedoch nicht nachhaltig helfen,  auch wenn sie für sich genommen zwar gute Maßnahmen sind. Wenn jedoch die Haltung im Alltag nicht stimmt, dann können all diese Maßnahmen nicht wirklich fruchten. Wenn du jeden Tag acht Stunden in einer gesundheitsschädigenden Haltung verbringst, wie soll das mit einer Stunde Bewegung am Tag ausgeglichen werden?

Das ist nur eine Situation aus meinem Alltag. Für mich ist es ein Beispiel dafür, wie Achtsamkeit im Alltag auch ganz praktisch hilfreich sein kann. Bei mir war es gerade der Schreibtischstuhl, der so nicht mehr in mein Leben passte. Was ist es bei dir? Vielleicht ist es ein Kleidungsstück, ein Fahrrad oder eine Gewohnheit? Wenn wir lernen innezuhalten und nicht sofort zu reagieren, dann schafft das Wahlmöglichkeiten.

Diese Momente sind es, die mich glücklich machen. Es sind Momente, in denen mir so deutlich wird, wie wichtig Bewusstsein im Alltag ist. Das ist es, worum es im Achtsamkeitstraining geht. Es ist eine Investition in ein Leben mit ein bisschen mehr Bewusstsein – für mehr Lebensqualität.

Berlin, 19.02.2020