Unsere Vorstellungskraft: Fluch und Segen zugleich

Unsere Vorstellungskraft ist wunderbar. Jetzt – mitten im Corona-Winter – können wir uns Dank unseres einzigartigen, menschlichen Gehirns vorstellen, wie es wäre in den Bergen zu sein und durch den Schnee zu wandern. Das menschliche Gehirn ist nämlich einzigartig. Diese besonders ausgestattete Denkmaschine unterscheidet uns von anderen Säugetieren: Wir verfügen über einen präfrontalen Cortex, der uns zum Lösen komplexer Probleme befähigt.
Doch die „Krone der Schöpfung“, für die wir uns manchmal gern halten, sind wir damit nicht. Oft bekommen wir erst richtige Probleme, durch diese Ausstattung. Und dann ärgern wir uns darüber und es geht uns schlecht. Dann haben wir noch mehr Probleme. Und Probleme ziehen Sorgen an, so wie ein gammeliger Apfel Fruchtfliegen.
Diese menschliche Ausstattung birgt Chancen und Risiken zugleich. Es kann hilfreich sein, dass wir die Möglichkeit haben, uns Dinge vorzustellen und uns zu erinnern. Dann können wir uns nämlich erinnern, wie es war, in den Bergen zu wandern und die Alpen zu überqueren. Und wir können uns vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn wir mit dem Ruderboot in der Mitte des Sees sind und in ein herrliches Panorama schauen. Der herbstliche Wald mit den bunten Blättern, durch den wir kürzlich gegangen sind, erscheint uns dann ganz nah. Beim Blick aus dem Fenster wissen wir, dass nach einem trüben Winter ein frischer Frühling und ein warmer Sommer kommt. 

Unsere Vorstellungskraft auf diese Art und Weise zu nutzen, kann uns den Weg durch den Corona-Winter erleichtern. Dann ist sie ein großzügiges Geschenk und eine Kraftquelle.
Doch manchmal zeigt sich unsere Vorstellungskraft auch von einer Seite, die uns gar nicht schmeckt. Dann ist sie wie dieses unpassende Geschenk, für das wir uns bei der Übergabe nur aus Höflichkeit bedankt haben. Nur lässt sich diese Seite der Vorstellungskraft nicht so leicht entsorgen wie das unliebsame Geschenk. Unser Gehirn bleibt uns erhalten, auch wenn sich seine Struktur verändert. Doch die viel beschworene Neuroplastizität des Gehirns führt zwar zu einer lebenslangen Veränderung in der Verschaltung der Nervenzellen, die grundlegenden Strukturen bleiben uns jedoch erhalten.
Daher müssen wir als Menschen im Jahr 2020 mit einem Gehirn zurechtkommen, das zwar dem aktuellsten Stand der Evolution entspricht, aber dennoch weit davon entfernt ist up-to-date zu sein. Unser Gehirn kann nicht mal eben mit einem Klick auf die neuste Version aktualisiert werden. Der präfrontale Cortex, also der Teil des Gehirns, der uns Menschen von anderen Säugetieren und Reptilien entscheidet, ist noch sehr jung. Der Hirnstamm und das limbische System sind evolutionsbedingt viel älter und stehen uns schon viel länger zur Verfügung.

Anhand von Gewohnheiten lässt sich die Bedeutung für unser Handeln leicht nachvollziehen: Eine Gewohnheit, die ich erstmal gebildet habe, lässt sich nicht so schnell loswerden. Wenn es sich um eine gute Gewohnheit handelt, ist das hilfreich. Bei Angewohnheiten, die langfristig unangenehme Konsequenzen haben, sieht das schon ganz anders aus. Doch alles Denken bringt nichts, wenn wir uns verändern wollen. Wir müssen den Kern der Gewohnheit zwar verstehen. Eine Sache jedoch nur mit dem Verstand zu durchdringen, mag bei bestimmten Problemen gut sein. Bei vielen Fragestellungen des Lebens hilft uns das aber nicht weiter. 
So ist das auch im Gehirn: Die Wahrnehmung von Bedrohungen im Außen ist evolutionsbedingt viel stärker entwickelt, als unsere Fähigkeit die Dinge gedanklich zu erfassen und einzuordnen. Deshalb erscheinen uns all die Veränderungen, die gerade stattfinden, oft zuallererst bedrohlich. Das war übrigens auch schon vor der Coronazeit so. Manchmal versuchen wir dann mit unseren Gedanken das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Doch irgendwann stellen wir dann fest, dass sich das Leben hartnäckig unserer Kontrolle entzieht. Zum Glück, möchte man rufen, wenn man bedenkt, wie wenig Weisheit ein einzelner Mensch im Laufe eines Lebens entwickeln kann.
Wenn es schlecht läuft, bleiben wir also in unseren Gedankenspiralen aus Ängsten, Sorgen und Befürchtungen stecken. Alles dreht sich nur noch darum. 
Wenn es ganz schlecht läuft, können wir dann auch die schönen Momente in unserem Leben nicht mehr genießen. Der Kuchen vom Lieblingsbäcker wird dann zu einer gesundheitlichen Gefahr, weil er Fett und Zucker enthält. Der Moment der Ruhe auf dem Gipfel wird überschattet von dem Gedanken, dass der Abstieg noch bevorsteht. Der Sonnenuntergang mischt sich mit dem Gefühl der Wehmut und der Vergänglichkeit. Die Wettervorhersage bestimmt unser Leben statt das tatsächliche Wetter. Selbst Momente großen Glücks mischen sich mit der Angst, dass dieses Gefühl bald vorbei sein könnte.
Ungewollt, doch systematisch schneiden wir uns so von jeder Quelle von Lebensfreude ab. 

Der menschliche präfrontale Cortex ist Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil er bestimmte Probleme erst verursacht hat, aber auch ein Segen, weil wir einen Großteil dieser Probleme auch mit ihm überwinden können. Dafür braucht es jedoch eine sachgemäße Nutzung dieses Gehirnareals, die sich oft von der gewohnheitsmäßigen Nutzung unterscheidet. Mit Achtsamkeit lernen wir uns selbst besser kennen, indem wir bemerken, auf welche Weise wir unser Gehirn benutzen – und gleichzeitig mit der Praxis den präfrontalen Cortex stärken. Damit entwickeln wir unsere Problemlösefähigkeiten weiter und unterstützen uns dabei, in schwierigen Situationen gut für uns sorgen zu können.

Was können wir jetzt konkret tun, wenn wir all das bemerken und nicht mehr in diesem ewigen Kreislauf feststecken wollen? 

1. Negative Gedanken identifizieren
Wenn wir negative Gedankenspiralen, Sorgen oder Befürchtungen bemerken, können wir uns entscheiden, innezuhalten. Das ist das Geschenk unseres menschlichen Gehirns: Wir sind unserem Erleben nicht ausgeliefert. Wir können uns entscheiden, dem Strom der Gedanken nicht zu folgen. Das ist möglich, weil wir einen präfrontalen Cortex haben. Statt uns vom Strom der Sorgen mitreißen zu lassen, sitzen wir am Ufer und betrachten das Treiben des Geistes. 

2. Freundlich zu uns selbst sein
Wenn wir bemerken, dass unser inneres Erleben uns Sorgen bereitet, können wir beginnen, uns mit Freundlichkeit zu begegnen. Statt innerlich mit uns zu schimpfen, können wir üben, uns liebevoll in den Arm nehmen und anzuerkennen, dass unser Gehirn es uns nicht leicht macht in dieser Zeit. Doch es ist nicht unsere Schuld.

3. Positive Dinge mehren
Genussmomente sind eine andere Art, um mehr Gleichgewicht in unser Erleben zu bringen. Alles, was uns gut tut, ist eine Quelle von Wohlbefinden und nährt nicht nur in schwierigen Zeiten. Das köstliche Mahl. Der hübsch gedeckte Tisch. Der ausgedehnte Spaziergang in der Natur. Das Telefonat mit der besten Freundin. Die Erkenntnis, die mit dem letzten Buch kam. Der gemütliche Abend auf dem Sofa. All das sind Möglichkeiten, wie wir fürsorglich mit uns selbst sein können und unsere Lebensfreude mehren können.

Ich wünsche dir viel Mut und Geduld, um deinen Mustern und Gewohnheiten zu begegnen und dann zu entscheiden, was dir gut tut.

Berlin, 29.11.2020