Psychologische Beratung selbst zahlen – oder die Krankenkasse nutzen?

Vielleicht hast du eine Frage, die dich schon eine ganze Weile beschäftigt. Vielleicht ist es auch so, dass du in deinem Leben immer wieder in die gleichen, schwierigen Situationen kommst und einfach herausfinden möchtest, warum das so ist. Vielleicht stehst du vor einer beruflichen Herausforderung und weißt nicht, wie du dich entscheiden sollst.

All diese Fragestellungen sind bei einem Coach oder Berater, den du selbst bezahlst, besser aufgehoben als bei einem Therapeuten, der von deiner Krankenkasse finanziert wird. Nach den Richtlinien der gesetzlichen und privaten Krankenkassen braucht es für eine psychotherapeutische Behandlung zunächst einmal eine Diagnose, denn ohne Diagnose, kann keine Leistung erbracht und abgerechnet werden. Die obigen Fälle sind Situationen, die im Leben eines Menschen auftreten können und nicht notwendigerweise mit psychischen Problemen zu tun haben oder eine psychiatrische Störung als Ursache haben. Daher kann es von Vorteil sein, wenn du dich bei solchen Fragestellungen zunächst einmal an deinen Hausarzt wendest – oder an einen Arzt, dem du vertraust und der dich gut kennt. So lässt sich auch das Risiko ausschließen, eine behandlungsbedürftige Störung zu übersehen.

Berufliche Fragestellungen sind bei einem Coach einfach viel besser aufgehoben, weil diese Berufsgruppe auf die Klärung von beruflichen Fragestellungen spezialisiert ist. Für die Wahl des geeigneten Coaches solltest du auf dein Bauchgefühl hören, denn wie auch in der Psychotherapie entsteht 75% der Weiterentwicklung allein durch die Beziehung, die Coach und Klient aufbauen. Die verwendeten Methoden machen nur ein Viertel des Erfolgs einer Zusammenarbeit aus. Das gleiche gilt natürlich auch, wenn du dir einen Psychotherapeuten suchst. Die Probatorik-Sitzungen, die duz vor dem Beginn der eigentlichen Psychotherapie in Anspruch nehmen kannst, dienen vor allem dazu auszuloten, ob du eine gute, persönliche Ebene mit dem Therapeuten finden kannst. Denn sonst ist jeglicher Behandlungserfolg von vornherein erschwert, wenn nicht unmöglich.

Wenn du dich entscheidest deine psychologische Beratung und Therapie selbst zu bezahlen, hat das viele Vorteile, die nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sind. Daher möchte ich sie dir in diesem Artikel erläutern:

  1. Wenn du als Selbstzahler psychotherapeutische Beratung oder ein Coaching in Anspruch nimmst, dann kannst du sofort und ohne lange Wartezeiten beginnen. Für die Psychotherapie, die durch die gesetzliche Krankenkasse finanziert wird, braucht es mit unter ein langwieriges Antrags- und Gutachtenverfahren, was in manchen Fällen eben auch zur Chronifizierung und Verschlimmerung von Beschwerden führen kann, die dann die Behandlungszeit verlängern können. Zudem ist die Suche eines geeigneten Therapeuten oftmals zeitintensiv. Es gibt keine freien Plätze in den psychotherapeutischen Praxen und lange Wartelisten mit Wartezeiten von mehr als sechs Monaten.
  2. Als Selbstzahler kannst du dir die Methode nach der du behandelt werden möchtest frei auswählen. Wenn du einen Psychotherapieplatz bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten bekommst, kannst du nur zwischen (aktuell) drei anerkannten Verfahren wählen: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse. Die systemische Familientherapie befindet sich aktuell im Anerkennungsverfahren bei den gesetzlichen Krankenkassen.
  3. Als Selbstzahler kannst du entscheiden, wie intensiv deine psychologische Beratung und Therapie sein soll. Du kannst also auch längere Sitzungen von 90 Minuten buchen, wenn das zu deiner zeitlichen Verfügbarkeit oder in deinen Lebensplan besser passt. Es können auch einzelne Sitzungen in Anspruch genommen werden, um konkrete Anliegen zu klären. Bei einer Psychotherapie, die durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird, dauert eine Sitzung immer 50 Minuten und es gibt eine feste Anzahl von Sitzungen, die im wöchentlichen Rhythmus in Anspruch genommen werden müssen. Als Selbstzahler hast du hier viel mehr Freiheiten. Du kannst die Zusammenarbeit jederzeit beenden oder pausieren, wenn du zum Beispiel beruflich im Ausland bist oder einen längeren Urlaub planst.
  4. Als Selbstzahler gibt es keinen bürokratischen Aufwand, der vor dem Beginn der Beratung und Therapie steht. Du schreibst mir eine E-Mail oder vereinbarst einen Telefontermin – und dann klären wir die Einzelheiten der Zusammenarbeit. Meist kann es dann direkt losgehen. Bei Finanzierung durch die gesetzliche Krankenkasse muss ein Gutachten und ein Antrag durch den behandelnden Psychotherapeuten gestellt werden – sofern du einen Therapeuten mit freien Plätzen gefunden hast. Erst nach der Bestätigung des Antrags kann es losgehen. Manchmal kann die psychologische Beratung auch eine gute Zwischenlösung sein, wenn du auf einen Therapieplatz wartest, um dich in dieser Zeit zu stabilisieren.
  5. Als Selbstzahler kannst du entscheiden, wer von deiner psychologischen Beratung oder Therapie erfährt. Ich unterliege der Schweigepflicht und muss keine Diagnose stellen und der Krankenkasse zur Kostenerstattung melden. Ein niedergelassener Psychotherapeut kann nach erfolgreicher Diagnosenstellung arbeiten. Die Diagnose wird an deine Krankenkasse weitergegeben, die dann die Zustimmung zur Behandlung und Kostenübernahme geben muss. Wenn du später z.B. eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder andere Versicherungen abschließen möchtest, kann eine solche Diagnose nachteilig sein und ggfs. einen Versicherungsabschluss verhindern. Hier lohnt es sich, sich vorab bei einem Versicherungsberater deines Vertrauens zu informieren.
  6. Als Selbstzahler kannst du die Kosten für psychologische Beratung, Therapie oder Coaching bei deiner Einkommensteuererklärung als außergewöhnliche Belastung absetzen. Mehr Informationen zum genauen Vorgehen, erhältst du dazu bei deinem Steuerberater.

Die psychologische Beratung und Therapie selbst zu bezahlen, kann also deutliche Vorteile haben, die bei einer Entscheidung auf jeden Fall berücksichtigt werden sollten.