Wie mich eine gesperrte Autobahn weitergebracht hat

Ich würde dir jetzt gern erzählen, dass sich diese Situation auf einem Berg mit einer weiten Aussicht ereignet hat. Aber das wäre keine wahre Geschichte. Das Leben verpackt die wichtigsten Erkenntnisse nicht oft in romantische Momente und Postkartenmotive. So war es auch dieses Mal: Es passierte mitten auf der Autobahn in Richtung Norden. Wir wollten eigentlich nur ein paar ruhige Tage an der Ostsee verbringen – so war der Plan. Doch dann machte uns das Leben einen Strich durch die Rechnung: Wir saßen fest. Die Autobahn war gesperrt und wir standen mitten drin in einem kilometerlangen Stau. Auf dem Navigationssystem wurde die rote Schlange, die den Stau auf der Karte markierte, immer länger. Die Autos um uns herum waren real – nicht nur eine Vorstellung. Was tun, wenn man nichts tun kann?

Es war eine ganz ungewöhnliche Atmosphäre an diesem Platz. Die Autos standen in einer schnurgeraden Linie hintereinander. Ganz vorbildlich sah die Rettungsgasse aus. Einige Menschen stiegen aus, um sich mit Getränken aus dem Kofferraum zu versorgen. Wir standen irgendwo an der Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Es war eine neue Erfahrung für mich, einmal eine Autobahn so ganz aus der Nähe zu betrachten. Auf dieser Seite der Autobahn war Stille. Nichts ging mehr. Ich ließ das Fenster herunter und schaute in den blauen Himmel. Ein roter Streifen kündigte die bevorstehende Nacht an. Über uns flogen Kraniche in den Süden. Ich erkannte ihre Rufe und ihre Formation am Himmel. Wie oft habe ich mich schon an diesen Motiven erfreut, wenn wir wanderten oder am frühen Abend in den leisen Himmel schauten.

Wenn uns das Leben so einen ungeplanten Moment der Muße schenkt, dann können wir uns darüber aufregen und ärgern. Schließlich kommen wir nun ja sicherlich zu spät zu unserem Reiseziel. Dann lehnen wir dieses Geschenk ab. Wir haben es ja schließlich nicht bestellt. Oder wir entscheiden uns, dieses unerwartete Geschenk anzunehmen. Wir nehmen die Situation so an, wie sie ist. Damit nehmen wir das Leben so an, wie es ist.

So saßen wir dort, hatten alle Zeit der Welt und sprachen über die Frage aller Fragen: Warum machst du das, was du machst?

Berlin, 27.10.2019