Warum Angst keine gute Beraterin ist.

Manchmal stellt uns das Leben vor Aufgaben, die wir uns selbst niemals ausgesucht hätten – wenn wir denn hätten wählen können. Aber wir konnten nicht wählen.
Und plötzlich befinden wir uns mittendrin, im Neuen, der Herausforderung, dem Unbekannten. Vielleicht ist es ein Umzug in eine andere Stadt oder zu einem Menschen, der dir viel bedeutet. Vielleicht ist es ein Projekt, was du so noch nie umgesetzt hast oder du suchst einen Job, der dich glücklich macht. Vielleicht willst du eine neue Sprache lernen und die Schulzeit ist schon ein paar Jahre oder Jahrzehnte vorbei. Vielleicht möchtest du das erste Mal in deinem Leben einen Baum fällen oder ein Hochbeet anlegen. Vielleicht willst du das erste Möbelstück deines Lebens bauen – oder eine Küche. Vielleicht planst du deinen ersten Urlaub alleine oder deine erste Alpenüberquerung. Was auch immer es ist, was vor dir steht: Diese Situationen haben alle etwas gemeinsam, wenn wir sie das erste Mal machen. Sie sind neu und wir haben noch keine Erfahrungen damit gemacht.

Und was passiert dann? Nun, üblicherweise zeigen sich dann Körperempfindungen, die wir oft mit dem Begriff Angst bezeichnen. Das Herz schlägt schneller. Wir sind irgendwie aufgeregt. Eine innere Unruhe macht sich breit. Die Gedanken kreisen um die Situation, die uns nun bald bevorstehen wird. Können wir das wirklich machen? Schaffen wir das? Manchmal können wir auch nicht mehr schlafen.

Und was passiert dann? Im besten Fall bleibt es bei diesen Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken.
Doch meist passiert etwas ganz anderes: Wir fangen an, die Erscheinungen zu interpretieren. Und dann kommt meist nicht viel Gutes dabei heraus. Oft landen wir in einer Gedankenspirale, die uns auch in den Nächten verfolgt. Am Ende lassen all diese Interpretationen nur diesen einen Schluss zu: Wir sollten es auf gar keinen Fall machen! Es ist viel zu gefährlich und wir können die Folgen unseres Handelns doch gar nicht abschätzen! Und außerdem ist doch völlig klar, dass wir mit dieser neuen Situation völlig überfordert wären. Wir können es schlicht und einfach nicht, denn sonst wären wir ja immerhin nicht so aufgeregt. Es heißt doch immer, dass man seinen Körperempfindungen nachgehen soll. Und in diesem Fall sprechen sie ja eine eindeutige Sprache.
Mit dieser Interpretation geben wir uns dann zufrieden und stellen jegliche Bemühungen der Veränderung ein. Der gedankliche Ausflug ins Neue war schon aufregend genug, so dass wir lieber schnell wieder in das gemütliche Nest der Gewohnheiten zurückkehren. Dort fühlt es sich sicher und warm an.

Doch – Moment mal – stimmt das überhaupt?! Lass uns noch einmal die Situation ganz genau anschauen: Im Grunde passiert ja erstmal nichts anderes, als dass wir vor einer neuen Situation in unserem Leben stehen. Wir haben sowas noch nie gemacht: Wir kennen die Stadt noch nicht. Wir haben gescheiterte Beziehungen erlebt und sind uns nicht sicher, ob es dieses Mal anders wird. Die Zeit des Sprachenlernens ist lange her. Wir haben noch nie eine Säbelsäge in der Hand gehabt. Wir haben keine Ahnung, wie man ein Möbelstück stabil konstruiert. Wir wissen nicht, ob wir es allein mit uns selbst aushalten oder ob unsere Kräfte ausreichen werden.
Das was dann auf der körperlichen Ebene passiert, ist ganz normal: Es ist eine körperliche Reaktion auf die Vorstellung, unsere Gewohnheiten zu verlassen. Allein der Gedanke, dass wir unsere Gewohnheiten verlassen könnten, bringt uns oft in einen Bereich, der sich außerhalb unserer Komfortzone befindet. Den sicheren Bereich der eigenen Gewohnheiten zu verlassen, ist nunmal ziemlich aufregend.

Wir sollten uns also davor hüten, vorschnell auf die einschränkende Interpretation hereinzufallen, dass wir etwas nicht schaffen könnten, nur weil wir vor einer neuen Situation Aufregung oder Angst spüren. Es ist schlicht ein Zeichen dafür, dass wir uns außerhalb unserer Gewohnheiten finden. Nicht mehr und nicht weniger.

Berlin, 26.11.2019