Wie aus einer alten Kommode ein neues Lieblingsstück wurde

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit eine Kommode zu reparieren. Sie stand schon ziemlich lange bei uns in der Küche herum und wann immer man über sie sprach, wurde sie mit dem Hinweis kommentiert, dass die unterste Schublade nicht funktionieren würde. Es war sogar schon fast soweit, dass die Kommode unseren Haushalt verlassen sollte. Eine Begründung war schnell gefunden: Sie passt nicht mehr zu uns. Warum? Dafür gab es viele Gründe: Die Farbe ist zu auffällig. Sie kommt aus einer anderen Zeit. Sie funktioniert nicht richtig. Eine Schublade ist defekt. Ein Griff fehlt. Sie ist zu schwer. Sie hat in der neuen Wohnung keinen Platz. – Gründe, sie loszuwerden, gab es genug.
Doch irgendwie war mir diese Kommode ans Herz gewachsen, denn sie ist wirklich ziemlich einmalig mit all ihren vermeintlichen Defekten. Jedes Mal, wenn ich in die Küche ging, strahlte sie mich an. Ich mochte auch den frischen Farbton, der so ganz anders war als alle anderen Möbel und Farben in unserer Wohnung.
Eines Tages stand die Entscheidung fest: Wir behalten diese Kommode. Plötzlich hatte sich ein Platz in der neuen Wohnung gefunden und allein schon in der Vorstellung war dieser Platz wie für unsere Kommode gemacht. Und dann passierte etwas, was ich schon so oft im Leben beobachtet habe: Wenn wir einen Entschluss fassen, dann fügt sich das Leben und alles wird leicht. Dafür braucht es jedoch die Kraft einer verbindlichen Entscheidung. So war es auch dieses Mal. Als die Entscheidung getroffen war, die Kommode mitzunehmen, sprang meine Denkmaschine an: Wie ist es möglich, die Kommode zu reparieren?
Ein Moment der Muße an einem regnerischen Abend genügte und schnell war der Fehler gefunden – und eine Lösung für das Problem da.
Kurzerhand zog ich meine Softshelljacke an und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Baumarkt. Dort kaufte ich eine Vierkantleiste für 1,39 Euro und acht kurze Nägel für 0,01 Euro. Zuhause sägte ich die Leiste auf die passende Länge und tauschte damit die abgenutzte Leiste im Inneren der Kommode aus. Mit den Nägeln fixierte ich die neue Leiste an der passenden Stelle. Es kostete mich 1,40 Euro, einen Spaziergang und ein paar Gedanken, um die wunderschöne Kommode wieder gangbar zu machen.
Mit Stolz schaute ich am Abend auf mein Werk. Nun steht sie zufrieden und glücklich in der neuen Wohnung an einem Platz, der wie für sie gemacht ist. Und irgendwann findet sich auch noch ein passender Hängegriff für die unterste Schublade.

Berlin, 11.1.2020