Gloria Estefan hat mir zuerst gezeigt, was Resilienz wirklich bedeutet

Erinnerst du dich noch an Gloria Estefan? Gloria Estefan ist diese kubanisch-amerikanische Sängerin, die in den 1980er Jahren mit den Disco-Pop-Hits Conga und Dr. Beat bekannt geworden ist. Mich faszinierte ihre Musik schon damals. Ich war Fan. 

Warum ich sie so mochte, kann ich nicht genau sagen. Vermutlich gehörte ihre Musik zum Zeitgeist. Vielleicht sprach mich ihre Musik auch so an, da ich musikalisch in der Tradition der 1980er sozialisiert wurde. Die musikalische Welt der Synthieklänge zieht mich auch heute noch magisch in ihren Bann. Diese Musik ist eine Erinnerung an eine andere Zeit. Oft braucht es nur einen Takt oder ein paar Klänge und sie berührt mich sofort. 

Typisch für diese Zeit durchforstete ich die Musik- und Jugendzeitschriften nach jedem Schnipsel von ihr. Sorgfältig schnitt ich Artikel, Fotos und Berichte von meinen Lieblingskünstler*innen aus und sammelte sie in einem Ordner, den ich extra dafür angelegt hatte. Ich war mit dieser Leidenschaft zu jener Zeit nicht allein. Die Jugendzeitschrift Bravo brachte zu dieser Zeit auch die ersten Bravo-Starschnitte heraus. Das Wort Starschnitt ist meines Wissens nach eine Eigenkreation der Bravo. Gemeint waren damit lebensgroße Fotos von den musikalischen Stars der Zeit, die Woche um Woche auf einer Doppelseite dem Heft beigelegt wurden. Nach 12 Wochen hatte man dann einen Starschnitt zusammen. Manchmal musste man sich 24 Wochen gedulden, bis man alle Teile des Starschnittes mit Reißzwecken an die Wand des Jugendzimmers heften konnte. Nur selten ging es schneller.

Aus heutiger Sicht könnte man einwenden, dass die Starschnitte für den Verlag eine gute Möglichkeit waren, um den Absatz der Auflage zu sichern. Doch die Leser waren damals ihrer Zeitschrift sehr treu ergeben – die Fans der entsprechenden Stars sowieso. Ein Wechsel zu einer anderen Zeitschrift war kaum denkbar und kam dem Abbruch einer langjährigen Beziehung gleich. In Zeiten von schrumpfenden Auflagen und eingestampften Magazinen kann man sich das im Jahr 2020 kaum vorstellen. 

Die Bravo-Starschnitte waren auch ein gutes Training zur Entwicklung von Geduld und für die Ausbildung einer hohen Frustrationstoleranz, die in Zeiten der sofortigen Bedürfnisbefriedigung fehlt: Hier ein Klick – gefunden. Dort ein Like – gemocht. Noch ein Klick – gekauft. Eine schnelle Internetverbindung macht den Weg frei für eine schnelle Bedürfnisbefriedigung: Klicken, Kaufen, Konsumieren. Ist die Internetverbindung langsam oder fehlt ganz, stürzt eine ganze Welt ins Chaos: Nichts geht mehr. Bis man bemerkt, dass doch was geht, wenn auch langsamer, anders oder analog.

In die Zeit der Starschnitte gehört für mich auch Gloria Estefan, auch wenn sie meines Wissen nach nie auf einem solchen zu finden war. Vielleicht reichte ihr Erfolg im deutschsprachigen Raum nicht aus, um es in den Starschnitt der deutschen Bravo zu schaffen. Vielleicht war die Bravo als klassisches Jugendmagazin auch schlicht das falsche Medium für ihre Musik. Gloria Estefan machte erwachsene Musik und ließ sich schlecht mit den Boygroups der Zeit vergleichen, denen das Format vorbehalten war: New Kids On The Block, East17 und Bros. 

Irgendwann stieß ich in der Bravo auf ein Interview mit ihr. Ich freute mich, denn es war ein neues Objekt für meinen Sammelordner, das ich hinzufügen konnte. Ich mochte es schon damals, wenn die Dinge vollständig sind. Dann las ich aufmerksam mit einer Mischung aus Aufregung, Neugier und Freude den Artikel. 

Das, was ich in dort las, begleitete mich noch viel länger als der Sammelordner. Dieser Gedanke ist auch 2020 noch Teil von mir – ganz ohne den physischen Ausschnitt des Interviews oder meinen Sammelordner noch zu besitzen.

Der Text vom Interview war nur sehr kurz. Daneben war eine Ganzkörperaufnahme von ihr, die sie in einem hautengen, schwarzen Cocktailkleid zeigte. Passend zur Farbe des Kleides trug sie schwarze Pumps. Durch die dünnen 15DEN-Strümpfe sah man ihre makellosen Beine durchscheinen.
Von den vielleicht fünf Fragen bezog sich eine auf ihren Körper, daher passte das Bild ganz gut zum Interview. In meiner Erinnerung lautete die Frage ungefähr so: „Gloria, wie kommt es, dass du so gut aussiehst und so eine wahnsinnig tolle Figur hast?“ 

Das war schon in den 1990er Jahren musikjournalistisch sicherlich nicht die allerwichtigste Frage. Die Absurdität dieser Frage wird für mich besonders deutlich, wenn ich mir die Situation ganz konkret vorstelle: Du fragst einen Interviewtermin beim Manager einer Künstlerin an. Es wird ein Tag festgelegt, an dem du dich mit 30 anderen Journalisten in einem 5-Sterne-Hotel einzufinden hast. Dafür fliegst du vielleicht sogar nach London oder Miami. Als Zeitfenster für dieses Interview hast du einen Slot von 15 Minuten mit der Künstlerin. Das reicht für fünf Fragen, falls die Künstlerin pünktlich zum Termin erscheint. Und das ist wirklich eine der fünf Fragen, die du stellst? 

Heutzutage fragt man sich zudem auch zu Recht, warum eine Frau in jedem noch so kleinen Interview oder schlicht im Alltag Kommentare über ihren Körper oder ihr Äußeres hören oder sich erklären muss. Dazu gehören Kommentare über ihr Mittagessen (z.B. Uhrzeit, Zusammenstellung der Mahlzeit, Portionsgröße), ihr Outfit also Kleidung und Frisur (z.B. zum Typ passende oder modische Kleidung, frischer Haarschnitt, Make-up oder nicht), vermutete Gewichtsveränderungen mit anschließender Bewertung oder moralischer Einordnung… Auch das Aussehen des Schwangerschaftsbauches gehört in diese Kategorie. 

Trotz aller Absurdität der Frage aus dem Interview möchte ich dir an dieser Stelle nicht ihre Antwort auf diese Frage vorenthalten, denn die hat mich bis heute begleitet. Weißt du was Gloria Estefan auf die Frage nach ihrer Figur geantwortet hat? Ihre Antwort war in meiner Erinnerung so: „Ich hatte einen sehr schweren Unfall. Seitdem treibe ich jeden Tag Sport, weil ich sonst starke Schmerzen hätte.“

Ihre Antwort blieb über Jahrzehnte in meinem Gedächtnis. Für mich gehören ihre Sätze zu den kraftvollsten Sätzen, die ich in meinem Leben gehört habe. Ein Zeichen von innerer Stärke und Resilienz. Wie oft sind es die Ereignisse oder Lebensbedingungen, die wir uns nicht gewünscht haben, die die größte Entwicklung in uns anstoßen oder sogar erst ermöglichen. 

Berlin, 12.1.2020