Wer ist für mich da, wenn es schwierig wird? 

Wenn es schwierig wird, hilft es mir am meisten, wenn ich jemanden ganz nah an meiner Seite habe. Einen Menschen, dem ich vertrauen kann. Dieses Vertrauen entsteht, weil mir dieser Mensch bekannt ist. Ich kenne sie gut. Ihre Gedanken sind mir vertraut und wie ein Auslöser in atemberaubender Geschwindigkeit den nächsten Gedanken auslöst. Die Art und Weise, wie sie mit der Welt in Kontakt geht und wie sie den Kontakt der Welt mit ihr erlebt, ist mir vertraut. Ich kann einschätzen, welche Situationen für sie schwierig sein könnten und worüber sie sich freut. Ihre Gefühle und Stimmungen sind mir vertraut. Ebenso kenne ich die feinen Schattierungen ihrer emotionale Färbungen. Ich weiß, was sie braucht, um sich wohlfühlen zu können und welche guten Gewohnheiten sie hat, um das zu bekommen, was wichtig für sie ist. Ich kenne ihre innere Landschaft und wie sie die Welt erlebt. Das ist ein gutes Gefühl, denn ich kann mich auf sie verlassen.

Manchmal haben wir das Glück, dass wir einem solchen Menschen einmal in unserem Leben begegnet sind. Manchmal teilen wir unser Leben mit einem solchen Menschen. Manchmal trennen sich die Wege nachdem wir ein Stück des Weges gemeinsam gegangen sind und wir bleiben mit uns selbst zurück. 

In diesen Momenten ist es heilsam, wenn wir uns selbst eine gute Freundin sein können. Doch wie soll das gehen? Oft scheint es so, als würden wir andere Menschen besser kennen als uns selbst. Wie schade, denn so verpassen wir die Chance für die wahrscheinlich längste und intensivste Beziehung unseres Lebens: Die Beziehung mit uns selbst.
Im Alltag haben wir uns oft von uns selbst abgeschnitten. Manchmal wollten wir etwas vermeiden. Manchmal wollten wir uns schützen. Manchmal hatten wir schlicht Angst. Immer war unsere Absicht gut – das Resultat jedoch nicht immer beabsichtigt. Manchmal sind wir so verwirrt im Kopf und unsere Wahrnehmung so vernebelt, dass wir gar nicht wissen, wie wir dort hineingeraten sind.
Doch es gibt gute Nachrichten: Der Kontakt zu mir selbst, kann nicht endgültig abbrechen. Ich nehme mich mit bis zum letzten Moment – ob ich das will oder nicht. Diese Beziehung auf Lebenszeit – wahrhaftig bis der Tod uns scheidet – macht die Beziehungspflege sinnvoll und möglich. Unabhängig vom Lebensalter oder der erlebten innerlichen Distanz steckt in jedem Moment die Möglichkeit einer lohnenden Entwicklung. Diese lebendige Beziehung und das Vertrauen, entsteht durch Kontakt. Dieser Kontakt ist nur durch Begegnung möglich. Achtsamkeit ist ein Weg uns selbst zu begegnen – so wie wir sind.
Diese Veränderung beginnt mit einer einzigen Übung. Jetzt in diesem Moment gehen wir den ersten Schritt. Wenn wir uns mit uns selbst niederlassen, findet eine wirkliche Begegnung statt. Wenn wir uns in Achtsamkeit üben, begegnen wir uns selbst, so wie wir in diesem Moment sind. Wir begegnen uns selbst mit einem Gefühl von Interesse und Freundlichkeit. So wie wir mit einem guten Freund sprechen würden, schauen wir mit liebevollen und neugierigen Blick auf unsere Art der Welt zu begegnen. Dabei nehmen wir – wie eine neugierige Krake – alles in den Augenschein, was sich in diesem Moment zeigt. Das können Gedanken sein (damit beginnt es sehr oft) und Gefühle. Es können auch Körperempfindungen sein. Wir üben uns darin, allem was sich zeigt zu begegnen und mit dem zu sein, was sich in dem Moment zeigt.
Es ist ganz so, wie wir es mit einer guten Freundin machen würden: Wir begegnen ihr offen und ohne Erwartungen. Wir lauschen interessiert und nehmen sie an, wie sie jetzt ist. Und wenn uns etwas irritiert, schauen wir noch etwas genauer hin und fragen nach, um sie noch besser zu verstehen – statt uns voller Verachtung abzuwenden. 

Wenn ich mich in Achtsamkeit übe, dann nährt jeder Kontakt mit mir selbst, die Beziehung, die ich mit mir pflege. Jeder Moment der Achtsamkeit ist ein Akt der Selbstfürsorge und ein Ausdruck meiner Selbstliebe. Jeder Moment, in dem ich mir selbst begegne, ist Qualitätszeit mit dem Menschen, mit dem ich ganz sicher mein ganzes Leben verbringen werde. Damit verliert das Üben auch den Charakter der Verpflichtung und wird zur wichtigsten Investition meines Lebens.

Götz, 8.12.2018