Warum Entspannung nicht langweilig ist.

Wenn du mich vor zwölf Jahren gefragt hättest, ob man Entspannung im Leben braucht, hätte ich diese Frage mit voller Überzeugung verneint. Ich habe damals Entspannung und Momente der Ruhe mit Langeweile verwechselt. Heutzutage weiß ich, dass Entspannung nichts mit Langeweile oder Langsamkeit zu tun hat und dass stille Momente einen reichen Raum an Erlebnissen und Erfahrungen beinhalten.

Entspannungstechniken können dich dabei unterstützen ein besseres Körpergefühl zu entwickeln. Das ist insbesondere dann sinnvoll, wenn du sehr gestresst bist. Im Stress schaltet der Körper auf ein Notfallprogramm und die Wahrnehmung ist eingeschränkt. All das ist sinnvoll, weil unser Organismus auf diese Art und Weise sein Überleben sichert. Wenn sich jedoch Stresssymptome negativ bemerkbar machen und der Stress langfristig anhält, dann können Entspannungstechniken dabei helfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Die Wirkung von Entspannungstechniken setzt schon im Moment des Übens ein. Dieser kurzfristige Effekt entsteht dadurch, dass wir mit jeder Entspannungsübung den Parasympathikus im autonomen Nervensystem aktivieren. Dieser Teil des autonomen Nervensystems ist für alle regenerativen Prozesse des Körpers verantwortlich. Welche Entspannungstechnik wir praktizieren, ist dabei nebensächlich. Eine Achtsamkeitsübung kann z.B. auch dabei helfen, sich der eigenen Muster in den Gedanken und im Verhalten bewusst zu werden. Im Alltag laufen viele Prozesse unbewusst ab. Achtsamkeitsübungen können dabei unterstützen, sich diese Prozesse wieder bewusst zu machen. Dadurch werden sie im zweiten Schritt veränderbar.

Jede Entspannungsübung ist auch ein Training unserer Aufmerksamkeit und Konzentration. Wir trainieren unseren Geist darin, mit der Aufmerksamkeit bei einer Wahrnehmung zu bleiben. Im Autogenen Training wird dies durch die Wiederholung der Formeln erreicht. Bei der Progressiven Muskelentspannung wird die Aufmerksamkeit systematisch auf einzelne Muskelgruppen des Körpers gerichtet. Beim Achtsamkeitstraining üben wir uns im genauen Wahrnehmen von inneren und äußeren Erlebnisinhalten. Das können Geräusche sein, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle.

Gerade, wenn wir sehr gestresst sind, verengt sich der Kegel unserer Aufmerksamkeit auf die Dinge, die vermeintlich wichtig sind. In diesem Notfallprogramm blenden wir inneres Erleben aus und geraten auf diese Art und Weise langfristig noch mehr ins Ungleichgewicht. An dieser Stelle können Entspannungsübungen dabei unterstützen, wieder mehr Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen. Im Laufe der Zeit nehmen wir unseren Körper, die eigenen Gedanken und Gefühle früher wahr und werden handlungsfähig. Wir bemerken aktiv die vielen Impulse, die sich in uns regen und können bewusster entscheiden, welchen Impulsen wir nachgehen wollen. Entspannungsübungen können uns dabei unterstützen einen Raum zu schaffen zwischen dem Reiz und unserer automatisierten Reaktion. Dadurch gelingt es, innezuhalten und bewusster zu reagieren. Diese Reaktion kann sich in einer bewussten Handlung ausdrücken – oder eben in einem bewussten Nicht-Handeln. Vielleicht fallen auch dir Situationen ein, in denen es besser gewesen wäre zu schweigen – oder erst später zu reagieren.