Ich bin den Weg gegangen, der vor meiner Tür beginnt.

Wann immer sich mich die Möglichkeit bietet, gehe ich zu Fuß. Im Alltag sind es oft nur kurze und bekannte Strecken wie beispielsweise zum Supermarkt oder zur Post. Wenn man mich fragt, womit ich mich in meiner Freizeit beschäftige, würde ich sagen, dass ich gerne wandere. Aber eigentlich ist das nicht ganz richtig. Wahrscheinlich würde ich erstmal ein paar Ausführungen zu dem Begriff „Freizeit“ machen. Was auch immer jeder einzelne darunter versteht, „Freizeit“ ist letztlich auch nur ein Wort. Aber ich mag Worte und mir ist es wichtig, die Dinge genau zu beschreiben und auch Raum für die Facetten zu lassen. Das Wort „Freizeit“ versucht Zeit zu beschreiben, die zur freien Verfügung steht – oder zumindest selbstgeplant ist. Wenn man das Leben aus dieser Perspektive betrachtet, dann gibt es die Freizeit und auch etwas, das oft mit dem Begriff „Dienst“ benannt wird. Freizeit und Dienst erscheinen hier gewissermaßen als Gegenteile, die sich in weiten Teilen auch ausschließen. Bin ich im Dienst, bin ich gerade nicht in der Freizeit. Bin ich gerade in der Freizeit, bin ich nicht im Dienst. Manch einer ist auch „außer Dienst“, manche Dinge sind „außer Betrieb“. Andere sind „dienstlich unterwegs“, also zwar nicht am Arbeitsplatz, aber auch nicht im Urlaub. Wenn jemand „Dienst nach Vorschrift“ macht, glauben wir zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Beim „Dienst nach Vorschrift“ scheint die Leidenschaft und das Engagement zu fehlen oder etwas anderes, eher unbestimmtes. Es fühlt sich irgendwie nicht richtig an, „Dienst nach Vorschrift“ zu machen. 
Ich möchte noch einen Moment bei meiner Faszination für Worte bleiben und auf meine Faszination für das Gehen eingehen. Ist es nicht erstaunlich, dass wir ein neues Wort erfinden, um eine eigentlich bekannte Tätigkeit zu beschreiben? Wozu braucht es das Wort „wandern“ oder „Wanderung“? Wovon grenzt es ab? Was grenzt es aus? Mich interessieren hier einmal wieder mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede. Wandern bedeutet für mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aus dieser Perspektive gibt es keinen Unterschied zum Gehen. Es braucht kein neues Wort, keine Abgrenzung.

Vor ein paar Wochen hat meine Wanderung direkt vor der Haustür begonnen. Das war ungewohnt. Üblicherweise fahre ich erstmal eine Zeit mit der Bahn, bis ich in der Natur bin. Am Bahnhof angekommen laufe ich los und die eigentliche Wanderung beginnt. An diesem Tag war das anders. Einen Schritt vor den anderen setzen. Der Weg hat direkt vor der Haustür angefangen. Im Kern war es keine große Sache. Einfach die Schuhe anziehen und losgehen. Einfach gehen. Und dann immer weiter gehen. 
Die Idee für dieses Experiment habe ich von Erling Kagge. Ich mag seine Bücher und wie er sich mit dieser besonderen Feinfühligkeit und Spitzfindigkeit den vermeintlich einfachen, eher alltäglichen Dingen zuwendet. In seinem Buch „Gehen. Weiter Gehen.“ Schreibt er auch über seine Erfahrungen, wie er den Sunset Boulevard in Los Angeles zu Fuß abgelaufen ist. Ich bin dort noch nicht gegangen, aber wenn ich mir seine Beschreibung vorstelle, muss diese Straße sehr lang sein und durch viele unterschiedliche Gegenden führen. Zudem muss es zumindest sehr ungewöhnlich, wenn nicht richtiggehend verdächtig sein, wenn man dort zu Fuß geht. Er und seine Begleitung wurden auf dem Weg mehrfach von der Polizei angehalten. 
Wenn man in Weißensee zu Fuß geht, wird man nicht von der Polizei angehalten. Es ist ein gewohnter Anblick, dass Menschen zu Fuß unterwegs sind. Unser Weg beginnt an einem sonnigen Samstagmorgen. Zunächst geht es über die große Kreuzung, an der ich kürzlich die Amsel singen gehört habe. Dann zu Fuß weiter in Richtung Norden. Wir laufen an der Prenzlauer Promenade entlang. Das ist eine der großen Achsen, auf der man die Stadt in Richtung Norden verlassen kann. An dieser Stelle wechseln sich schlichte Wohnhäuser mit kargen Industriegebieten ab. Es ist keine Gegend, die einem den fast automatisch entstehenden Kommentar “Das ist aber schön hier!” entlocken würde, wie es so oft in den Bergen geschieht. Eben waren wir noch ganz dicht am pulsierenden Kern der Stadt. „Sich mit so viel Interesse, wie es jetzt gerade möglich ist, dem zuwenden, was jetzt da ist.“ denke ich bei mir.
Wir überqueren eine große Brücke, die über Bahnschienen, verwaiste Gleise und eine weitläufige Brache führt. Die Sonne brennt schon jetzt und ich bin froh, dass ich Sonnencreme aufgetragen und zusätzlich eine Kopfbedeckung dabei habe. Über uns höre ich ein Flugzeug. Natürlich, wir sind in Pankow und der Flughafen Tegel scheint für Billigflieger noch beliebter zu sein, seitdem AirBerlin Insolvenz angemeldet hat. Die Taktung der Flugzeuge ist hoch. Irgendwann kann ich die Flugzeuge nicht mehr hören. Das Rauschen der Autos ist lauter geworden. Neben mir ist die Bundesstraße zur Autobahn geworden. Autos drängen sich in Schlangen nach Norden. Ich frage mich, was dieses Experiment soll. Warum habe ich mir für die Wanderung nicht einen schöneren, angenehmeren Platz gesucht? 

Dann wird mir klar, dass das eben genau die Stadt ist, in der ich lebe. So ist Berlin eben. Mal laut, mal leise. Und wir wohnen nunmal am Rande der Stadt und können zu Fuß die Autobahn erreichen. Es ist, wie es ist.
Mich berührt der Wechsel der Landschaften. Manchmal gibt es schleichende, beinahe sanfte Übergänge wie in einem guten DJ Set. Eine Erfahrung geht in die nächste Erfahrung über. Manchmal ist der Wechsel eher wie ein abrupter Bruch. Manche Übergänge erscheinen mir angenehm, andere unangenehm. Plötzlich ist Stille. Ich stehe zwischen der Panke, die hier von einem schattigen Weg gesäumt wird, und einem Angelgewässer. Hier ist alles grün und idyllisch. Ein Entenpaar fühlt sich offenbar gestört von unserer Gesellschaft. Sie möchten gern wieder alleine sein. In der Ferne höre ich das leise Rauschen der Autobahn. Jetzt kommt es mir vor wie eine sanfte Musik zur Untermalung der Stimmung. Eine Musik ist wie ein leichtes Parfüm, wie es William Basinski formulierte. Keinesfalls störend, eher den Raum öffnend und haltend. 

An der Panke geht es immer weiter in Richtung Norden. Wir queren weite Felder kurz vor Berlin-Buch. Dann geht es durch einen Wald, der später in einen Naturpark übergeht. Auf einer Aussichtsplattform beobachten wir Reiher, die hier selten anzutreffen sind. Eine Gruppe von etwa 30 Wander*innen geht an der Plattform vorbei. Einige lesen lieber die Texte auf der Infotafel über die Vogelarten, die sie auf der Aussichtsplattform sehen und hören könnten. Andere sind ins Gespräch vertieft. Wenige kultivieren den inneren Dialog.
Im Naturpark begegnen uns viele Vögel und auch Englische Parkrinder. Als ich auf einem schmalen Weg zwischen zwei Weihern stehe, nimmt eines dieser schönen Tiere ein Bad. Ich staune darüber, wie vorsichtig sich dieses starke Tier in den See begibt. Es bewegt sich ganz langsam und bedächtig. Es kann der kühlen Verlockung eines Bades im See, nicht widerstehen. Dieses Verheißung ist so anziehend, dass es all seine Scheu vergisst und sich mutig aufmacht, etwas Neues zu entdecken. Es macht eine neue Erfahrung. 
So langsam stellt sich bei mir auch Müdigkeit und Erschöpfung ein. Meine Füße schmerzen und sind geschwollen. Wir machen eine ausgiebige Rast mit Broten und Obst aus dem Rucksack und trinken dazu kühles Zitronenwasser. Es ist ein Akt der Freundlichkeit uns selbst gegenüber, wenn wir eine Pause machen, wenn es anstrengend ist. In dieser Zeit ist auch Raum, um zurückzuschauen. Manchmal ist die Geschwindigkeit im Alltag so hoch, dass wir den Kontakt zum Moment verlieren. Mich macht das traurig, wenn ich es bemerke. Heute lassen wir uns Zeit. Wir erinnern uns an den Weg, den wir bereits gegangen sind. An die große Kreuzung, die breite Ausfahrtsstraße, die monotone Autobahn, der schattige Weg an der Panke, wo wir dem Entenpaar begegnet sind… Wir haben uns zu Fuß aufgemacht und sind direkt vor der Haustür losgegangen. Inzwischen sind wir so weit gegangen, dass sich die Natur um uns herum sehr ursprünglich anfühlt. Andere Menschen begegnen uns kaum. Flugzeuge sind auch nicht mehr zu hören.

In mir kommt eine Erinnerung an den vergangenen Sommer hoch. Am 3.6.2018 haben wir den 66-Seen-Weg beendet. Auf 21 Tagesetappen (bei uns waren es ein paar mehr) haben wir Berlin zu Fuß umrundet. Der Weg um die Stadt, vorbei an den 66 Seen, hatte eine ganz andere Qualität als der Weg, den wir heute gegangen sind. Der 66-Seen-Weg war wie ein Rahmen, der sich um die Stadt legt. Heute sind wir von der Mitte an den Rand gegangen – vom Stadtzentrum an den Stadtrand. Wir sind alle diese Strecken zu Fuß gegangen, mit unserer eigenen Körperkraft. Auch hier interessieren mich wieder mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede. 
Über uns strahlt inzwischen die Nachmittagssonne aus voller Kraft. Es ist sehr warm geworden und dieser schwere Geruch eines herannahenden Sommerregens liegt in der Luft. Die Stille wird plötzlich von Worten unterbrochen: „Es sind noch ungefähr acht Kilometer bis zum Gorinsee. Komm, lass uns dort die Füße abkühlen!“ Dann gehen wir weiter.

Berlin, 28.05.2019