Was mich am Gehen fasziniert.

Ich habe mich schön öfter gefragt, warum mich bestimmte Dinge interessieren und andere es es nicht einmal schaffen auch nur die geringste emotionale Regung in mir auszulösen. Das Gehen ist so ein Ding in meinem Leben, das mich sehr interessiert. Genau genommen handelt es sich beim Gehen natürlich nicht um ein Ding, sondern eher um eine Art, den eigenen Körper zu bewegen, ein routiniertes Bewegungsmuster, eine Verhaltensweise, eine Gewohnheit. 
Als ich vor vielen Jahren mein erstes Buch von Erich Fromm gelesen habe, bin ich mit seiner Definition der Kategorien „Haben“ und „Sein“ in Kontakt gekommen. Wenn ich das Gehen aus dieser Sicht betrachte, gehört es für mich in die Kategorie „Sein“. Es ist nichts, das ich mit Geld in mein Leben holen kann. Ich kann es nicht erwerben und es sodann verkörpern. Ich kann es nur erfahren. Die praktische Erfahrung ist eine Voraussetzung dafür, dass ich es verkörpere. Damit fällt es in die „Sein“-Kategorie der Aspekte meines Lebens. Der „Schwingstab“, den ich mir vor einigen Jahren zugelegt habe, gehörte in die „Haben“-Kategorie. Auch das Trampolin mit den faltbaren Füßen, um es bei Nichtbenutzung platzsparender zu verstauen, gehört in die “Haben”-Kategorie. Irgendwann waren die Phasen der Nichtbenutzung so ausgedehnt, dass es platzsparender war, es nicht mehr zu besitzen. Beide Dinge habe ich besessen, aber nicht benutzt. Ein klassisches Merkmal von Dingen, die in die „Haben“-Kategorie fallen.
Gehen gehört in die „Sein“-Kategorie. Ich gehe jeden Tag. Wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, gehe ich. Allerdings ist das Gehen selbst nicht immer so lustvoll, wie es in meiner Vorstellung ist. 

Manchmal ist das Gehen mühsam. Ich ärgere mich dann über mich selbst, dass ich es mühsam finde zu gehen. Ich bin dem darunter liegenden Mechanismus inzwischen auf die Schliche gekommen: Ich erlebe das Gehen als mühsam, wenn ich längere Zeit keine weiten Strecken gegangen bin. Auch nach längeren Phasen am Schreibtisch, kostet es mich manchmal sehr viel Mühe zu gehen. Zu sehr habe ich mich dann an das Sitzen gewöhnt. Dabei ist es doch ganz einfach: Wer rastet der rostet. Punkt. So einfach ist es aber nicht mit dem Gehen. Jedenfalls nicht bei mir. 
Das Gehen kann auch beschwerlich sein, wenn ich sehr geübt im Gehen bin. Wer schon einmal ein längeres Stück mit mir gegangen ist, kennt mein Muster schon. Am Anfang einer Tour beschwere ich mich. Das Gehen ist mühsam. Es macht mir Mühe. Auch wenn ich mich sehr auf die Wanderung gefreut habe, erlebe ich die ersten Kilometer oft eher als schwerfällig und zäh. Weil ich schwerfällig bin. Dabei habe ich noch nicht herausgefunden, ob es eher eine Frage der Zeit – verstanden im Sinne von Dauer – ist, die ich schon gegangen bin – oder ob es sich um die zurückgelegte Strecke handelt. Die Uhrzeit, zu der ich mit dem Gehen beginne, ist es ganz sicher nicht, denn ich bin diesem Muster schon um 8:30 Uhr und um 10:00 Uhr begegnet. Das Gehen ist also keine Tätigkeit, die ich zu bestimmten Uhrzeiten besser kann. Sie braucht am Anfang immer etwas Anlaufzeit. 
Wenn du mich kennst, dann weißt du, dass ich morgens etwas länger brauche, um in Gang zu kommen. Ich bin einfach etwas später am Tag auf dem Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit. Dafür nimmt meine Leistungsfähigkeit im Laufe des Tages stetig zu und manchmal komme ich am späten Abend kaum zur Ruhe. Dann braucht es eine Weile und gute Rituale, um einen erholsamen Schlaf zu finden. Wenn ich am Abend meditiere, sortiert das meine Gedanken. In den seltenen Fällen, in denen ich dann trotzdem nicht einschlafen kann, mache ich autogenes Training. Das hilft bei mir immer. 
Aber was macht für mich nun den besonderen Reiz des Gehens aus? Ganz nüchtern betrachtet, ist es eine Bewegung meines Körpers. Ich bewege meinen Körper von einem Ort zum anderen. „Was soll daran schon besonders sein? Das ist doch ganz gewöhnlich und nicht der Rede wert!“ höre ich eine Stimme in mir sagen. Es ist die Stimme des Zweifels. Der Zweifel versteht nicht, wie von so etwas Gewöhnlichem, wie dem Gehen, eine so große Faszination ausgehen kann. 
Aber was ist es denn nun, was mich am Gehen so fasziniert? Um meine Faszination herauszuarbeiten, muss ich zwischen dem Gehen als Bewegungsmuster und dem Gehen von längeren Strecken unterscheiden. Am Gehen als Bewegungsmuster fasziniert mich das Gleichgewicht, das mein Körper mit jedem Schritt wieder aufs Neue herstellt. Das mag sich vielleicht etwas merkwürdig anhören, aber mich beeindruckt dieser Vorgang wirklich zutiefst. Wenn ich versuche eine Erklärung für meine Faszination für diesen vermeintlich simplen Vorgang zu finden, kommt mir in den Sinn, dass ich bereits mehrfach in meinem Leben Probleme mit dem Bewegungsapparat hatte. Mal waren es die Knie, mal die Hüfte. Gehen war plötzlich gar nicht mehr so selbstverständlich wie zuvor. 
Liegt es vielleicht in der Natur des Menschen, dass wir uns sehr schnell an einen Zustand gewöhnen? Etwas ist wie es ist. Vielleicht ist es angenehm oder unangenehm. Wenn wir nur lange genug einem Zustand ausgesetzt sind, wird er zur Gewohnheit. Wir haben uns an den Zustand gewöhnt. Er ist für uns normal. Wir nehmen ihn dann als gegeben hin und erleben ihn vielleicht auch als unveränderlich.
Braucht es dann vielleicht sogar eine Verletzung, um unseren Körper und seine Einzigartigkeit zu spüren? Irgendwie habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es auch anders möglich ist, seinen Körper als lebendes Wunder zu erfahren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich schon so lange mit dem Thema Achtsamkeit beschäftige. Achtsamkeit beinhaltet ja auch, über das Leben zu staunen. Oft genug braucht es etwas Ausdauer und Praxis, bis wir das Staunen über das Leben zurückerhalten. Es gab eine Zeit in unserem Leben, als das Staunen über das Leben die Gewohnheit war. Im Laufe der Zeit ist diese Haltung verloren gegangen. Aber auch hier hat die Gewöhnung gute Arbeit geleistet. Wir vermissen unser Staunen nicht mehr. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Keine Faszination mehr. Kein Staunen. Kein Wunder. Alles ist normal. Punkt.
Wenn ich diese Sätze schreibe, spüre ich einen dumpfen Schmerz in mir. Er ist anders als der Schmerz, den ich seit einer Weile oberhalb der rechten Hüfte spüre. Auch dort hat die Gewöhnung ganze Arbeit geleistet. Aber dieser Schmerz in meinem Brustkorb ist ein anderer Schmerz. Es ist ein dumpfer Schmerz, der von Wehmut und Bedauern angefüllt ist. Es ist ein Schmerz, an den ich mich nicht gewöhnen möchte. An diese Empfindung schließt sich nun Widerstand an. Diesen Gast kenne ich bereits gut.
Aber was wäre, wenn wir gar nicht mehr bemerken würden, dass da Widerstand ist. Oder dass da Frustration ist. Was, wenn wir diesen Zustand als „normal“ hinnehmen würden. Wir haben uns an die Umstände unseres Lebens gewöhnt. Das Leben ist, wie es ist. Es fällt uns nicht mehr auf, wie wir vielleicht unter diesen Umständen leiden. Wir erleben die Umstände als Zustand. Als unveränderlich. 

Aber auch beim weiten Gehen, spielen Themen wie Gewohnheit, Verletzung und Schmerz eine Rolle. Während meiner ersten Hüttentour durch das Karwendelgebirge war es ein ziemlich kleiner Muskel, der am Ende eine ziemlich große Rolle spielte. Dieser Muskel heißt Piriformis und ist ein sehr kleiner Muskel, der aber – aufgrund seiner Lage – durchaus geeignet ist, intensive Schmerzen zu verursachen. In meinem Fall führten diese Schmerzen zum Ende meiner Hüttentour – und begleiteten mich noch ein gutes Jahr später.
Wie so oft wird mir klar, dass ich die vermeintlich nichtigen und unscheinbaren Dinge im Leben, nicht unberücksichtigt lassen sollte. Sie könnten irgendwann plötzlich wichtig sein oder und sich bei zu langer Ignoranz zu einem ausgewachsenen Problem entwickeln. Doch wie oft bemerken wir die Schieflage erst dann, wenn sich in unserem Leben das große Drama entwickelt hat, dass sich wie eine riesige Welle vor der Küste Hawaiis vor uns aufbaut? Wieviel Leid ließe sich ersparen, wenn wir das Staunen über das Leben, über die gewöhnlichen Dinge im Leben, nicht verlernt hätten. Doch das ist vorbei. Wir haben es schon verlernt und es lohnt sich nicht, wenn wir uns Gedanken über Dinge machen, die vergangen und nun nicht mehr änderbar sind. Zum Glück können wir in jedem Moment neu entscheiden. Wir könnten in jedem Moment neu entscheiden. Mich erfüllt ein warmes Gefühl in meinem Bauch, wenn ich daran denke, welche Kraft sich entwickeln könnte, wenn wir das Staunen wieder neu lernen würden. Falls wir es verlernt haben.
In meinem Kopf entsteht der Gedanken gleich damit zu beginnen. Jetzt ist die Motivation groß. Es ist einer der Impulse, denen ich oft begegne. Ich habe den Impuls meine sitzende Position zu verlassen und zu gehen. Ich möchte praktizieren. Jetzt. Draußen höre ich die Amsel mit ihrem schönen Lied und lasse mich von ihr nach draußen locken. Ich gehe wieder.

Berlin, 10.06.2019