Wie uns Algorithmen bei der Veränderung hindern und unterstützen.

Ich glaube, dass wir ziemlich viele gute und auch ziemlich viele schlechte Gewohnheiten im Laufe der Zeit entwickelt haben. So ist es jedenfalls in meinem Leben. Zu meinen guten Gewohnheiten gehört zum Beispiel, dass ich die Dinge, die mir gut tun, auch in stressigen Lebensphasen beibehalte. Ich nehme mir Zeit für mich und mache die Dinge, die mir wichtig sind. Zu meinen schlechten Gewohnheiten gehört zum Beispiel, dass ich immer noch viel zu oft die Süßigkeiten kaufe, die mein Gehirn in der Anspannung verlangt, statt sie einfach im Laden zu lassen. Ich esse sie ja doch nicht. 
Wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, werden wir alle wahrscheinlich ziemlich viele schlechte Gewohnheiten finden, die sich im Laufe der Zeit in unserem Leben angesammelt haben. Manchmal blockieren sie unser Leben wie geöffnete Programme den Arbeitsspeicher unseres Rechners 
Auch wenn mir sonst der Blick auf das, was gut läuft viel wichtiger ist, sollten wir den Blick auch mal auf unsere schlechten Gewohnheiten richten. Im Hinblick auf unsere aktuellen Lebensgewohnheiten könnte es wichtig sein. 

Ist dir bewusst, wie stark dein Alltag von Algorithmen durchzogen ist?
Das ist zum Beispiel bei den Social-Media-Profilen der Fall. Aber auch bei den Suchmaschinen, die für uns das Internet durchstöbern und uns passende Suchergebnisse hervorspülen, machen Algorithmen ihren Dienst. Doch das, was mir der Algorithmus vorschlägt, basiert auf meinen Entscheidungen aus der Vergangenheit. Das ist technisch nicht anders lösbar. Der Algorithmus rechnet damit, dass das, was mir in der Vergangenheit gefallen hat, auch in der Zukunft gefallen wird. Und dadurch erhalte ich Vorschläge und Suchergebnisse, die auf meinen bisherigen Gewohnheiten basieren. Das können natürlich nur meine Gewohnheiten sein, die ich in der Vergangenheit entwickelt habe. Soweit so gut. 

Wenn wir uns nun aber verändern wollen, dann arbeiten wir gegen unsere Gewohnheiten. Wir wollen neue Verhaltensmuster entwickeln und kämpfen gegen die alten Muster an. Dabei sind unsere alten Gewohnheiten, wie eine Autobahn, die sich durch unser Gehirn gezogen hat. In diesem Feld aus bestehenden Mustern ist es schwierig neue Verhaltensweisen zu entwickeln, die vielleicht besser zu meinem aktuellen Leben passen.
Eine neue Gewohnheit zu entwickeln, ist ohnehin schon schwierig genug. Doch nun kämpfen wir nicht nur gegen die Muster und Autobahnen in unserem eigenen Gehirn an – sondern auch gegen die Erfahrungswerte der Algorithmen unseres Lebens. 
Wir nutzen Apps, die uns das Leben leichter machen sollen. Wir füttern sie mit jeder Nutzung und jeder Suchanfrage mit unseren Daten, die dem Algorithmus dabei helfen einen guten Job zu machen, indem er uns immer wieder Produkte und Suchergebnisse vorschlägt, die auf unseren alten Gewohnheiten basieren. 
Doch wie funktioniert das? Er erfasst, was dir bisher gefallen hat, was du geklickt hast, welche Produkte du im Internet gekauft und wonach du gesucht hast. Und dann schlägt er dir – basierend auf dieser Geschichte – weitere Suchergebnisse vor, die zu dieser Geschichte passen. Dadurch erhältst du Vorschläge für Produkte, die in dein Leben passen können. Ein Leben, dass du vielleicht schon lange verändern möchtest.
Ein Algorithmus kann nur so arbeiten: er denkt rückwärts gerichtet, weil er so programmiert ist. Damit verhindern Algorithmen neue Entwicklungen, weil sie alte Gewohnheiten verstärken. Durch die Nutzung von Algorithmen erschweren wir Veränderungen von alten Gewohnheiten und die Entwicklung von neuen Gewohnheiten. 

Yuval Harari erklärt in diesem Interview, dass es der künstlichen Intelligenz und den Algorithmen in unserem Leben, nicht unbedingt immer um die positive Veränderung geht. Vielmehr geht es den Firmen, die die Algorithmen in der Hand haben, eher darum, dass du dich weiterhin so verhältst, wie du dich bisher verhalten hast, denn dadurch wird dein Verhalten vorhersagbar. 
Wenn du über Jahre und Jahrzehnte bestimmte Algorithmen mit deinen Nutzungsgewohnheiten und Kundendaten gefüttert hast, kann es sehr schwer sein, neue Muster zu erschaffen. Aus dem süßen Einheitsbrei wird dann ein zäher Schleim, der sich nicht so leicht abschütteln lässt. 
Wenn du dir die Algorithmen in deinem Leben anschaust, wirst du mit Sicherheit auch hilfreiche Algorithmen finden, die dich in deinen guten Gewohnheiten unterstützen. Ich denke da zum Beispiel an meine Playlisten, die mich in eine ganz bestimmte Stimmung bringen oder meine Konzentration unterstützen. 
Es lohnt sich hier ganz genau hinzuschauen, welche Algorithmen eine Veränderung verhindern und welche dich in deinem Leben bei der Veränderung unterstützen – sofern du etwas verändern möchtest. 

Berlin, 16.01.2019