Warum pflegeleicht kein Synonym für anspruchslos ist

Ein Bild aus guten Tagen

Auf meiner Fensterbank steht ein Sukkulent. Ich mag Sukkulenten. Sie wachsen in bizarren Formen und ich schaue ihnen gern dabei zu, wie sie die Form annehmen, die sich die Natur für sie ausgedacht hat. Sukkulenten sind auch sehr pflegeleicht und geduldig im Umgang. Eigentlich brauchen sie nur einen sonnigen Platz auf der Fensterbank und ab und zu etwas Wasser.
Sukkulenten entwickeln sich so, wie es der Raum zulässt, der ihnen zur Verfügung steht. Bei uns auf der Fensterbank gibt es sehr viel Platz. Ihm scheint es dort offenbar gut zu gefallen, denn seitdem wir hier wohnen, hat er sich ganz beachtlich entwickelt. Offenbar genießt er die vielen Sonnenstunden, die ihn an diesem Platz erreichen. Vielleicht ist diese sonnige Fensterbank auch ein guter Nachbau seines natürlichen Lebensraumes.
Wenn man sich ihm nähert, muss man sehr vorsichtig sein. Trotz aller Festigkeit, ist er ziemlich empfindlich. Seine verholzten Äste mögen es gar nicht gern, wenn man an ihnen rüttelt. Berührt man ihn zu forsch, quittiert er das damit, dass er eins seiner fleischigen Blätter fallen lässt. Es scheint, als würde er seine Mitbewohner auf diese Art darauf aufmerksam machen, dass er einen feinfühligen Umgang schätzt. Weil er so ein geduldiger Zeitgenosse ist, lasse ich ihn meist in Frieden. Er mag es einfach nicht, wenn er zu oft gestört wird. Auch Wasser möchte er eher zu wenig bekommen als zu viel. 

Jetzt im Sommer hat er eine neue Nachbarin bekommen: Eine Tomatenpflanze. Ich liebe meine Tomatenpflanzen. Jede einzelne von ihnen bekommt im Sommer die Aufmerksamkeit von mir, die sie benötigt. Dabei ist es unerheblich, ob sie ihr Zuhause im Garten, auf der Fensterbank oder auf dem Fensterbrett gefunden hat. Die Tomatenpflanze neben dem Sukkulenten braucht sehr viel Zuwendung. Wenn es sehr heiß ist, braucht sie zwei Mal am Tag Wasser. Ich gebe es ihr gern. Sie dankt es mir mit köstlichen Früchten. 
In der letzten Zeit bin ich sehr oft am Fenster gewesen und habe nach ihr geschaut. Den Sukkulenten habe ich beim Ausreizen der Tomatenpflanze kaum beachtet. „Der Sukkulent ist ja ein genügsamer Zeitgenosse, der braucht gar nicht so viel Wasser!“ habe ich mir gedacht. Dann habe ich mich wieder um die Tomatenpflanze gekümmert und nach der Anzucht für den Pak Choi, Kohlrabi und Radicchio geschaut. Die Erdbeerpflanzen wachsen auch von selbst. So ging es Tag um Tag, Woche um Woche.

Heute früh kam dann der Schock: Der Sukkulent sah ganz welk und vertrocknet aus! Statt der dunkelgrünen, dickfleischigen und saftigen Blätter, schauten mich verschrumpelte Blätter mahnend an! – Keine Spur mehr von dem Lebenssaft, der einst in ihnen floss. Der Sukkulent war in einem alarmierenden Zustand. Sein Zustand war eine Mahnung für mich. Eigentlich gehört es zur Stärke von Sukkulenten, dass sie es schaffen auch in widrigen Bedingungen mit wenig Wasser und Nährstoffen umzugehen und sind für mich ein Beispiel für gelebte Resilienz. Aber das war wohl eine Dürreperiode, die auch für so eine zähe Pflanze zu lange dauerte. Er hatte zu wenig Aufmerksamkeit in Form von Wasser und Nährstoffen bekommen – das Licht der Sonne hatte ihm nicht ausgereicht, um gesund zu bleiben und zu wachsen.

Wie oft mag es uns so im Leben gehen? Wie oft bekommen wohl die genügsamen Menschen zu wenig Aufmerksamkeit – eben, weil sie so genügsam sind. Wie oft kümmern wir uns zuerst um die lauten Lebewesen, die deutlich ihre Bedürfnisse einfordern? Vielleicht ist das eine Einladung, heute einmal auf die leisen Menschen oder andere Lebewesen in deinem Umfeld zu achten. Welche Bedürfnisse haben sie? Wann hast du dich das letzte Mal mit ihnen beschäftigt? Woran merkst du, dass ihre Bedürfnisse befriedigt sind? Oder wenn ihnen etwas fehlt? Und wie kannst du – schon vor dem Welken der Blätter – bemerken, dass sie nicht genug bekommen? 
Und für all die leisen Menschen unter uns, die ihre Bedürfnisse oft erst mit den schlaffen und vertrockneten Blättern zu zeigen wissen: Wie kann es gelingen, die eigenen Bedürfnisse schon etwas früher zu signalisieren? Wie ist es möglich zu einem Zeitpunkt, an dem die eigene Gesundheit noch nicht in Gefahr ist, zu zeigen, was einem wichtig ist?

Mein Sukkulent hat heute jedenfalls eine Extraportion Wasser bekommen. Ich habe daraus gelernt und werde heute und in den nächsten Tagen besonders oft nach ihm schauen. Zu viel Wasser und Aufmerksamkeit bekommt ihm aber auch nicht – dann werden seine Blätter gelb und er wirft sie ab. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Trotz all seiner Besonderheiten liegt er mir sehr am Herzen. Er ist mein Lieblings-Sukkulent mit allen seinen Eigenheiten – auch wenn sie mir manchmal ganz schön schrullig erscheinen.

Berlin, 27.08.2019