Meine Tomatenpflanzen und die Bedeutung von Geschichten.

Von den vielen Gemüsesorten, die in meinem Garten wachsen, mag ich die Tomaten ganz besonders. Versteh mich bitte nicht falsch: Wie eine gute Mutter liebe ich alle meine Gemüsesorten auf dem Feld für ihre Besonderheiten und mit gleicher Tiefe. Bei den Tomaten ist es aber jedes Mal ein klitzekleines bisschen anders. Sie sind mir richtig ans Herz gewachsen. Jedes Mal, wenn ich im Garten bin, schaue ich sie liebevoll an und gebe ihnen das, was sie gerade in dem Moment brauchen. Manchmal ist es etwas Halt an der Rankhilfe. Oft ist es Wasser. Und manchmal wollen die Äste auch nur einige der kräftig roten Früchte loswerden.

Wenn man an dem Beet vorbeigeht, könnte man meinen, dass da zu viele Tomatenpflanzen stehen. Sicherlich würde die Hälfte der Pflanzen ausreichen, um unseren kleinen Haushalt zu ernähren. Dennoch freue ich mich über jede einzelne Pflanze. Für mich sind es nicht „zu viele Pflanzen“, sondern ganz unterschiedliche Pflanzen mit ihren individuellen Besonderheiten. Da gibt es die großen, runden Tomaten, die kräftig an der Rispe wachsen. Daneben stehen zwei kleinwüchsige Pflanzen mit mittelgroßen Eiertomaten. Dann gibt es noch die beiden Pflanzen mit den ganz kleinen Tomaten, die so fruchtig schmecken, dass man sie mit Kirschen verwechseln könnte. Sie lösen sich so leicht von der Rispe und sind so fest, dass sie aufplatzen, wenn man im Mund das erste Mal auf sie beißt. Oft nehme ich mir eine kleine Box mit diesen Tomaten mit, um unterwegs einen würzigen Snack zu haben.

Dann gibt es noch diese Sorte, die immer fest an der Rispe sitzt und am liebsten nur zusammen mit dem Grün geerntet wird. Ich nennen sie, meine „Orchideen-Tomate“. Diese Tomate ist etwas ganz besonderes, denn sie ist sehr sensibel. Ich habe schon verschiedene Arten ausprobiert, um die reifen Früchte zu ernten, doch jedes Mal platzen sie auf. Ich habe sie ohne die Rispe geerntet, mit der Rispe und mit einem Teil der Rispe. Sie lagen ganz oben im Erntekorb, in einem kleinen Beutel und in einer Schale. Dennoch passiert es jedes Mal: Egal wie ich die Früchte ernte, sie platzen auf. So habe ich nach jeder Ernte immer eine gewisse Menge dieser Früchte, die ich sofort essen kann. Manchmal esse ich sie auch direkt auf dem Feld.

Ich habe mich gefragt, warum diese Tomaten mir so viel bedeuten. Dabei bin ich auf eine dieser Geschichten gestoßen, von denen wir gern denken, dass sie schon viel zu lange vorbei sind, um überhaupt noch eine Bedeutung in unserem heutigen Leben zu spielen.

Als Kind hat mir meine Mutter das Kinderbuch „Gittis Tomatenpflanze“ von Elizabeth Shaw vorgelesen. Als ich dann lesen konnte, habe ich es immer wieder selbst gelesen. In dem Buch erzählt sie eine Geschichte von einem Mädchen, dass in einer tristen Stadt in einer Wohnung wohnt und sich nichts so sehr wünscht, wie einen kleinen Garten. Doch statt eines blühenden Gartens, sieht sie aus ihrem Fenster nur gepflasterte Straßen. Eines Tages kommt Gittis Oma zu Besuch und schenkt ihr eine Tomatenpflanze. Von diesem Tag an pflegt Gitti diese Tomatenpflanze mit viel Liebe und Hingabe. Sie gießt die Pflanze, richtet sie aus und unterstützt sie dabei, das nach draußen zu bringen, was sie in sich trägt – bis eines Tages ein Gewitter kommt… Aber auch das Unwetter übersteht Gittis Tomatenpflanze – wenn auch nicht ganz unbeschadet. Wenn du das Buch noch nicht kennst, ist es eine absolute Empfehlung von mir.

Tja, und nun stehe ich gut 35 Jahre später im Jahr 2018 im Garten mit meinen zwölf Tomatenpflanzen, pflege sie und beobachte aufmerksam jede ihrer Entwicklungen. Ich mache mir Sorgen, wenn es zu viel regnet, ob die Braunfäule dann wieder kommt, wie im letzten Jahr. Und wenn es sehr lange heiß und trocken ist, kann ich es kaum aushalten, wenn ich die Pflanzen nicht regelmäßig mit Wasser versorge. An besonders heißen Tagen in diesem Sommer, bin ich noch vor dem Frühstück im Garten gewesen. Ich mag jede einzelne meiner Tomatenpflanzen für ihre individuellen Besonderheiten. Ich mag die unkomplizierten Tomaten genauso wie meine „Orchideen-Tomate“, die andere vielleicht als „schwierig“ und „empfindlich“ beschreiben würden.