Über die Wende und den Weg in die Freiheit. 

CEEYS im Resonanzraum beim Reeperbahn Festival in Hamburg

Freiheit, wenn ich an dieses Wort denke, wird der gedankliche Raum ganz weit und ein angenehmes Gefühl stellt sich ein. Freiheit. Ein Zitat von Rosa Luxemburg kommt mir in den Sinn: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

Beim Wort Wende stellt sich ein anderes Gefühl ein. Wende. Die Wende. Die Wende ist für mich ein historisches Ereignis, das in meiner Vergangenheit stattgefunden hat. Es gibt viele Ereignisse, die in der Vergangenheit stattgefunden haben und noch heute in der Gegenwart eine Bedeutung haben oder auf verborgene Weise wirken. Die Wende ist eins dieser Ereignisse in meinem Leben. Auch wenn es sich etwas merkwürdig und fremd anfühlt, wenn ich diese Zeilen schreibe, so muss ich anerkennen, dass die Wende mich beeinflusst hat. 

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem die Mauer fiel. Es war der 9. November 1989 und wir lebten in Berlin-Friedrichshain. Schon in den Monaten vor diesem 9. November, der nicht nur in meine individuelle, sondern auch in die kollektive Geschichte eingehen sollte, hatten sich viele Menschen schon lange auf den Weg in die Freiheit gemacht. Es waren vor allem Männer, die bei den sogenannten Montagsdemonstrationen für die Freiheit kämpften. Die Frauen blieben meist mit den Kindern zuhause, denn die Sorge um die eigene Sicherheit war groß. Wenn die Mütter mit den Kindern zuhause blieben, konnten sie den Kampf nicht am gleichen Ort wie ihre Männer mitkämpfen. Sie blieben zuhause, damit die Familie in Sicherheit war. Denn wenn beiden etwas zustoßen würde oder beide auf der Demonstration gesehen worden wären, dann hätte das bedeuten können, dass sie ihre Kinder verloren und sie in ein Heim hätten geben müssen. Dass die Frauen zuhause blieben, bedeutete mehr Sicherheit für die ganze Familie. Wenn nur ihren Männern etwas zustoßen würde, hätten sie wenigstens so tun können, als hätten sie nichts davon gewusst und wären vielleicht in Sicherheit gewesen. Wenn ich diese Zeilen heute im Jahr 2018 schreibe, wird mir ganz schwindelig nur beim Gedanken an diese Zeiten.

Die Menschen bei den Montagsdemonstrationen kämpften für die Freiheit aller Menschen. Und dann fiel am 9. November 1989 in Berlin die Mauer. Wir haben davon im Fernsehen erfahren. Wir saßen im Wohnzimmer und sahen gebannt auf den Fernseher. Damals war noch nicht klar, wie die Sache ausgehen würde. Die Angst, dass man die Grenze nur aufgrund des inneren Drucks und nur temporär öffnen würde, war groß.  Wir befürchteten, dass sie nach kurzer Zeit wieder geschlossen werden würde und diesem Teil der Menschen die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt werden würde.

Die Brücke über die Bremke

Wenn ich heute an diese Momente denke, dann wühlt mich das in einer besonderen Weise auf. Mit dem Fall der Mauer gab es ein Wanken der Macht, die dieser Staat über seine Bürger hatte. Wie groß muss die Angst vor dem Staat erst vor dem Fall der Mauer gewesen sein?
Erst am nächsten Tag haben wir uns nach Kreuzberg getraut.
Ich erinnere mich noch gut daran, was ich mir von meiner ersten West-Mark (im Unterschied zur (Ost-)Mark) gekauft habe: Ein gelbes Herz aus Seife. 

Die folgenden Monate waren Monate der Unsicherheit. Wie bringt man zwei Länder zusammen, die jahrzehntelang geteilt waren? Wie vereinigt man zwei Länder, in denen wechselseitig voneinander nur Geschichten erzählt wurden, die mal mehr und mal weniger negativ gefärbt waren? Wie kann es gelingen, dass sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, die übereinander nur Geschichten der Über- oder Unterordnung gehört haben und es nie eine wirkliche Begegnung gab?

Am 3. Oktober 1990 feierten wir den Tag der deutschen Einheit. Heute – fast 30 Jahre später – gibt es in den Medien einmal wieder mehr Geschichten über die Unterschiede als über die Gemeinsamkeiten. Auch heute noch nutzt man Begegnungen mit Menschen dafür, um sich zu verorten. Man schafft Gemeinsamkeiten oder Unterschiede. 

Fast 30 Jahre nach der Wende, habe ich in Hamburg beim Reeperbahn Festival im Resonanzraum gesessen und ein Konzert der Band CEEYS angehört. Die Band CEEYS besteht aus den beiden Brüdern Sebastian und Daniel Selke, die aus einer großen Plattenbausiedlung in Berlin Marzahn-Hellersdorf kommen. Inzwischen leben die beiden in Potsdam. Mehr über die Band erfährst du auf ihrer Webseite. Im Mai 2018 haben sie ihr zweites Album WAENDE veröffentlicht, mit dem sie ihre Kindheit und Jugend in der Plattenbausiedlung in Ost-Berlin verarbeiten. Die Musik, die sie machen, ist handgemacht. Sie spielen ihre Stücke auf dem Klavier und dem Cello. Leider fehlt mir das Vokabular, um die Erfahrung zu beschreiben, die ich beim Konzert gemacht habe. Es waren auf jeden Fall eine ganze Menge Gänsehautmomente dabei. Wenn du es nicht scheust, von Musik berührt zu werden, kann ich dir nur empfehlen, das Album WAENDE anzuhören. Die Namen der Stücke wie Union, Neighbour 1 und Rectangles sprechen für mich Bände. Sie beschreiben wichtige Bezugspunkte ihrer Vergangenheit – mit den lauschenden Nachbarn und dem Alltag in praktisch geschnittenen, rechteckigen Wohnungen und Lebensräumen. Doch wie muss man sich gefühlt haben, wenn man eben nicht in diese praktische Form passte? Wenn man kein Quadrat, sondern ein Kreis oder Dreieck war – oder nichts von allem, sondern seiner eigenen Form folgte?

Fast 30 Jahre nach der Wende sitze ich also im Resonanzraum in Hamburg und erlebe die beiden ausgesprochen ruhigen Brüder, wie sie die Musik spielen, die ihnen geholfen hat, ihre Vergangenheit zu verstehen und zu bewältigen. Das entspannte Setting mit bestuhlten Reihen und die ruhige Atmosphäre, ermöglichte es, dass die beiden auch ein paar Worte zu den Stücken sagen konnten.  „Es war manchmal gar nicht so leicht, die ganzen Veränderungen zu verdauen.“ sagte einer der beiden und mir stockte der Atem. Andere Menschen lachten, auch wenn ich nichts Komisches an seinen Worten fand. Vielleicht liegt es daran, dass ich gut nachempfinden kann, wie es ist, ein Kind der Wende zu sein, auch wenn ich in den Altbauhäusern in Berlin-Friedrichshain großgeworden bin.

Fast 30 Jahre nach der Wende wandere ich durch den Harz. Es soll ein aktiver Kurzurlaub werden, wie ich ihn sehr gern mache. Das Wandern habe ich vor ein paar Jahren für mich entdeckt und wandere seitdem sehr regelmäßig. In diesem Jahr hatte ich mit stärkeren Kniebeschwerden zu kämpfen und konnte dadurch einmal mehr lernen und annehmen, dass das Leben einem permanenten Wandel unterliegt und endlich ist. Den ursprünglichen Plan, mit dem Rucksack den Harz zu durchqueren, musste ich aufgeben und mit den Wellen des Lebens gleiten. Durch diese besonderen Bedingungen, bin ich also eher zufällig in einer Ferienwohnung im beschaulichen Ilsenburg gelandet. Ilsenburg hat 9905 Einwohner und eine stündliche Busverbindung nach Wernigerode. Ilsenburg war bis 1976 Teil der Schutzzone, die sich vor der innerdeutschen Grenze durch den Harz zog. Dass Ilsenburg 1976 aus wirtschaftlichen Gründen aus der Schutzzone herausgenommen wurde, war damals ein Ereignis mit großer Tragweite. Heute ist es nur noch eine interessante Grenzgeschichte dieser Region. Wenige Kilometer nördlich liegt Stapelburg, wo aufgrund der Grenzführung sogar Häuser abgerissen wurden. Ein Stacheldraht hinter dem Gartenzaun der Grundstücke der Anwohner, reichte manchmal offenbar nicht aus. 

Der Wald kurz vor Schierke

Fast 30 Jahre nach der Wende wandere ich durch das Suental und bekomme plötzlich ein ganz merkwürdiges Gefühl von Enge in der Brust. Der Weg durch das Suental ist beschwerlich und es geht auch schon seit einiger Zeit stramm bergauf. Dennoch ist das Gefühl ungewöhnlich und nicht allein durch die Steigung zu erklären. Der Wald ist an dieser Stelle besonders dicht, ursprünglich und richtig gespenstisch. Dann wird mir klar: Ich bin mitten in der ehemaligen Schutzzone. Hier haben Menschen alles zurückgelassen, was ihnen einmal etwas bedeutet hat, um frei leben zu können. Hier sind Menschen aus ihrer Heimat in die Freiheit geflüchtet. Hier sind Menschen auf ihrem Weg in die Freiheit gestorben. 

Fast 30 Jahre nach der Wende wandere ich von Braunlage nach Schierke. Nach einem großen Parkplatz für den Sessellift „Hexenritt“ überquere ich auf einer unscheinbaren Holzbrücke die Bremke. Wieder habe ich plötzlich Gänsehaut und ein unheimliches Gefühl. Die Bremke ist ein Fluss, der hier auf einigen Kilometern durch den Harz die Grenze markierte. Die Brücke wurde 1990 erbaut. Die Brücke verbindet Niedersachsen mit Sachsen-Anhalt. Eine Tafel informiert über die Geschichte und den neu gebauten Verbindungsweg von Braunlage nach Schierke. Die kommenden vier Kilometer gehen durch ganz unterschiedliche Waldlandschaften. Kurz hinter der Brücke ist der Wald wunderschön. Große Tannen stehen neben weiten Wiesen. Später laufe ich ein Stück über den Grenzweg und auf den bekannten löchrigen Betonplatten entlang durch weite Fichtenwälder. Dann wieder durch einen sehr dichten Wald mit niedrigen Tannen und einem Waldboden, der voller Tannennadeln ist und beim Auftreten spürbar nachgibt. Später geht es an Klippen vorbei, die während der Zeit, als das Gebiet noch Schutzzone war, wohl niemand gesehen hat. Die Mäuseklippen und die Schnarcherklippen sind wunderschön. Dann erreiche ich Schierke. 

30 Jahre nach der Wende laufe ich am Tag der deutschen Einheit von West nach Ost. Einfach so. Es ist keine große Sache. Ich muss nicht mein Leben riskieren. Ich bin frei und kann entscheiden wohin ich gehen möchte und welchen Weg ich dafür nehmen möchte. Und da ist sie wieder, diese vertraute Gänsehaut.