Mir reicht es. Jetzt habe ich wirklich genug.

Du weißt es bereits, wenn du einen meiner Kurse in den letzten Monaten des vergangenen Jahrzehntes besucht hast: Ich bin umgezogen. Die häufigste Reaktion auf diese Aussage waren wissende und mitfühlende Blicke. Menschen wissen eben, was es bedeutet, umzuziehen. Es bleibt kein Stein auf dem anderen und alles ändert sich. Ein Umzug gehört zu den universellen, kritischen Lebensereignissen.
„Schon wieder?“ war die zweithäufigste Reaktion von Menschen, die mich etwas besser kennen. Sie haben recht: Ich ziehe gern um – und das daher auch recht regelmäßig. Ich mag die Bewegung im Leben, die sich aus der örtlichen und räumlichen Veränderung ergibt.
Doch mit den Umzugskartons kamen nicht nur all die Dinge, die mir wichtig sind, mit in die neue Wohnung. Zwischen ihnen steckte auch eine Erkenntnis über den Wert von analogen Tätigkeiten, die ich in diesem Text mit dir teile.
Ein Umzug ist auch eine gute Gelegenheit, um sich von Dingen zu trennen, die man im Hier und Jetzt oder in diesem Leben nicht mehr benötigt. Beim Packen der Umzugskartons hielt ich jeden Gegenstand, den ich besitze, in meinen Händen. „Does it spark joy?“ – die berühmte Frage der Aufräumkönigin Marie Kondo, war dabei die Frage, die mich über mehrere Wochen begleitete. Und so habe ich mich von einigen Dingen getrennt, die nur in ein vergangenes Leben passten und mich im Hier und Jetzt nicht mehr glücklich machen. Mich hat es sehr gefreut, dass ich viele dieser Dinge weitergeben konnte, so dass sie einen anderen Menschen glücklich machen können.
Und mitten in all dem Chaos aus Gegenständen, Möbeln und Kartons gab es diesen Moment, in dem mir klar wurde: Ich habe genug. Ich besitze genügend Dinge für ein ganzes Leben.
Warum mich Dinge nicht (mehr) glücklich machen
Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, in der ich glaubte, dass mich Dinge glücklich machen. Vielleicht hast du das auch schon einmal in deinem Leben geglaubt. Es ist ein bisschen wie die Vorstellung vom Weihnachtsmann oder der Zahnfee. Dabei sind es niemals Dinge, die einen glücklich machen. Zufriedenheit und Glück haben niemals etwas mit Konsum zu tun, auch wenn wir das manchmal nur zu gern glauben würden. Die Yogamatte macht dich nicht zu einer fitten Person. Die Faszienrolle auch nicht. Einen neuen Gegenstand zu kaufen ist leichter als eine neue, gute Gewohnheit zu entwickeln. Vielleicht findest du in meinem Text Warum mich Dinge nicht (mehr) glücklich machen ein paar neue Gedanken dazu.
Wie wir den Dingen ihren Wert geben
Wenn ein ganzer Haushalt in Kisten gepackt wird, hat man wirklich jeden einzelnen Gegenstand in der Hand. In meinem Fall war es eine ganze Menge an Dingen. Doch als dann alles gepackt war, war ich glücklich, denn die Zahl der Umzugskartons hatte sich zu vielen vorherigen Umzügen deutlich reduziert. Und das, obwohl ich ziemlich schlecht darin bin, Dinge zu entsorgen, die noch einen Nutzen haben oder haben könnten. Für mich hat jeder Gegenstand einen Wert. Doch oft ist es nicht der Kaufpreis, der den Wert eines Gegenstandes ausdrückt. Wir selbst sind es, die den Dingen ihren Wert verleihen (oder eben nicht). 

Außerdem glaube ich, dass wir es uns als Gesellschaft nicht leisten können, Dinge achtlos zu entsorgen. Die Zauberfomel der Recyclingwirtschaft lautet nicht ohne Grund: Reduce – Reuse – Recycle. Alles, was erneut benutzt werden kann oder für einen anderen Zweck genutzt werden kann, darf bleiben (Reuse). Alles, was wirklich nicht mehr nutzbar ist, wird recyclet (Recycle). Zum Glück gibt es in Deutschland ein ausgeklügeltes Recyclingsystem, das den meisten Haushalten auch nahezu vollständig frei Haus geliefert wird. So kann wirklich jede und jeder ihren und seinen Teil dazu beitragen, diese Welt von den Folgen unseres Konsumdrucks zu entlasten.
Der wichtigste Punkt beim Thema Abfallmanagement und Recycling ist jedoch das Reduzieren (Reduce). Denn die schlichte Wahrheit lautet: Wer keine Dinge kauft, verursacht auch keinen Müll. 

Mein Vertiefungsjahr (Year of Deepening)
Vielleicht hast du schon einmal etwas von einem Year of Depth oder Year of Deepening gehört. Ich bin in den letzten Monaten immer wieder auf diese Idee gestoßen, die im Kern ganz schlicht ist: Nichts Neues anfangen, nichts Neues kaufen, sondern all das auskosten, was sowieso schon da ist. Denn oft gibt es in unseren Leben schon eine ganze Menge: Es gibt genügend Bücher, Kleidung, Küchenartikel, Büromaterial, Dekomaterial, Saatgut und Ideen. In diesem Jahr werde ich das Konzept des Year of Deepening erforschen und schauen, was es in meinem Leben bedeutet, mich häufiger für die Tiefe zu entscheiden.
Viel zu schnell verlieren wir in der Geschwindigkeit des Alltags all die ungelesenen Bücher aus den Augen, die in unseren Regalen stehen und es wert sind gelesen zu werden. Die ungetragenen Kleider, wollen das Licht der Welt erblicken und getragen werden – statt ihr Dasein in der dunklen Ecke des Kleiderschrankes zu fristen. Das ganze Saatgut, das ich im vergangenen Jahr mit großer Leidenschaft zusammengetragen habe, kommt in diesem Jahr in den Boden, damit daraus Pflanzen wachsen und gedeihen können. Denn dafür sind Samen, Gegenstände und all unsere Vorräte eigentlich gemacht: Das Leben möchte sich entfalten, statt nur aufbewahrt und ab und zu in sperrigen Kartons an einen neuen Ort transportiert zu werden.
Ich wünsche dir ein wundervolles, neues Jahr mit mehr tiefen Begegnungen als Spiegelungen an der Oberfläche.
Berlin, 7.1.2020