Der Moment, als ich das rechte Maß verlor

Der Juni war sehr heiß und trocken. Der Juli war bisher auch sehr trocken. Dann kamen drei Tage Regen und Platzregen – hübsch verpackt in ein abwechslungsreiches Aprilwetter. Erst ist alles ausgetrocknet, dann ist alles überschwemmt, schrieb mir dazu kürzlich eine Freundin. Das rechte Maß ist verloren gegangen. 

Im Qi Gong gibt es eine Übung, die den Namen trägt „das rechte Maß finden“. In dieser Übung führt man wenig komplexe Bewegungen mit beiden Armen und Händen aus, der Effekt der Übung ist jedoch beeindruckend. Für diese Übung streckt man die Arme etwa auf Schulterhöhe aus und stellt die Hände auf. Eine Handfläche zeigt zum Gesicht, eine Handfläche zeigt weg vom Gesicht. Nun bewegt man die Hände gegengleich und schiebt gleichzeitig eine Hand weg von sich und zieht die andere Hand hin zum eigenen Gesicht. Diese Bewegung macht bei mir das Thema auf: Was führe ich mir zu und was halte ich von mir fern? Was ist das rechte Maß?

Gerade komme ich zurück von einer 12tägigen Wanderung durch die Alpen. Dieses Mal war es eine ganz besondere Hüttentour, denn wir haben die Alpen zu Fuß überquert. Von Gmund am Tegernsee sind wir nach Sterzing gegangen. Das, was ich beim Gehen auf diesem Weg erfahren habe, lässt sich mit Worten nur unzulänglich beschreiben. Doch mir sind Worte und präzise Formulierungen sehr wichtig. Wenn ich etwas treffend beschreiben kann, dann entsteht in mir ein lustvolles Gefühl. Daher möchte ich es wenigstens versuchen.
Wenn ich die Alpenüberquerung kurz beschreiben soll, dann würde ich sagen, dass es eine sehr ereignisreiche Zeit war. Auf dem Weg habe ich viele Erfahrungen im Innen und Außen gemacht. Doch damit beschreibe ich nur einen Aspekt dieser Reise. Ein anderer, wichtiger Aspekt ist der, der Routine und Monotonie. Zwölf Tage lang bin ich jeden Tag gegangen. Das Gehen war die zentrale Aufgabe in dieser Zeit, nichts anderes war wichtig. Jeder Tag folgte einem klaren Ablauf: gehen, essen, schlafen – nach dem Frühstück wieder gehen. Weiter gehen. Eine klare Tagesstruktur, die Ordnung herstellt und dadurch Halt gibt. 
Immer wieder lese ich davon, wie wichtig feste Strukturen für die eigene Gesundheit sind. Oft genug sträubt sich innerlich in mir etwas, wenn ich wieder auf einen Artikel stoße, der feste Abläufe empfiehlt. Ich mag nunmal die Abwechslung. Schadet mir dann vielleicht ein Zuviel an Ordnung und Struktur nicht sogar? Nun, man muss es vielleicht nicht so extrem formulieren. Neben dem Schwarz und Weiß gibt es ja – zum Glück – noch viele Grau- und Zwischentöne. Das sind die Farben, die ich bevorzuge. Eine gute Lösung ist eine Lösung, die zu mir passt. Aber die Sache mit der festen Struktur ist damit noch nicht abschließend geklärt. 
Auf dem Weg durch die Alpen begegnete ich auf einer Hütte einem Wanderer, der beim Essen eine blaue Jeans und ein weißes Hemd trug. Für mich war das ein ungewöhnlicher Anblick. In meinem Alltag in Berlin ist dieser Anblick sehr gewöhnlich – aber auf einer Hütte auf 2200 Meter Höhe erwarte ich eher ein breites Spektrum an Funktionsbekleidung in Form von farbenfrohen Merinoshirts, atmungsaktiven Wanderhemden und schützenden Softshelljacken. Wir kamen ins Gespräch und er überraschte mich auch mit weiteren Details seiner Ausrüstung, denn er trug einen Regenschirm bei sich, um sich vor Regen zu schützen. Seine Wanderung dauerte drei Tage und ich fragte mich schon im Gespräch, was denn bei einer Wanderung das rechte Maß sei. Bitte versteh mich nicht falsch, mir geht es nicht darum, meinem Gegenüber zu sagen, was für ihn oder sie das rechte Maß ist. Diese Entscheidung muss jeder selbst für sich treffen. Für ihn war es offenbar das rechte Maß, denn er erzählte davon, wie er mit seinem Muskelkater zu kämpfen habe.
Für mich war diese Situation eine willkommene Gelegenheit mich selbst zu fragen, was denn für mich das rechte Maß sei. Nur drei Tage zu gehen erschien mir zu kurz. Aber sind zwölf Tage gehen vielleicht zu lang? Würde mein Körper diese Belastung durch die Strecke und – vor allem – durch die vielen Höhenmeter aushalten? Ich verlor mich einen Moment in Gedanken. 
Dann öffnete sich der schwere Vorhang wieder und auf meine innere Bühne trat die Erkenntnis, die mich auf dem ganzen Weg begleitet hat: Das Leben ist nicht planbar. Eine Idee oder einen Plan zu haben ist gut, damit man eine grobe Vorstellung vom Weg hat. Dennoch ist der Weg selbst völlig unberechenbar. Hinter jeder Ecke wartet etwas Neues, so dass es sehr zielführend ist von Moment zu Moment neu zu entscheiden. Auch das Wetter ändert sich in den Bergen innerhalb kürzester Zeit. Ich konnte in jedem Moment nur genau für diesen Moment eine Entscheidung treffen. 
Ich wusste am Anfang nicht, ob wir in Sterzing ankommen würden. Ich habe es mir gewünscht und es mir vorgestellt, aber auf dem Weg konnte in jedem Moment alles passieren. Plötzlich Platzregen – Pause machen, unterstellen – weitergehen. Das für den Nachmittag angesagte Gewitter beginnt schon um 11 Uhr und ich befindet mich mitten auf dem Plateau des Gipfels – unterstellen oder schnell weitergehen. Die geplante Route mit dem sanften Aufstieg ist gesperrt – einen neuen Weg finden, mehr Höhenmeter gehen, viel mehr Zeit brauchen – viel später als geplant auf der Hütte ankommen. Da war plötzlich keine Spur mehr davon, den Nachmittag nach einer heißen Dusche entspannt auf der Panoramaterrasse der Hütte zu verbringen. Sondern wir kamen gerade noch pünktlich zur Halbpension an und freuten uns über unser einfaches Nachtlager. Eine Dusche gab es auf der Hütte nicht.

Nach zwölf Tagen, die ich gegangen bin und immer in Bewegung war, bin ich nun nach Berlin zurückgekehrt. Hier lebe ich. Plötzlich ist mein Alltag wieder da. Ich beantworte E-Mails, schreibe Konzepte für Veranstaltungen, begegne Menschen und leite Trainings. Doch ich vermisse das Gehen. Das, was zwölf Tage lang die zentrale Aufgabe des Tages war, ist nach einer knapp neunstündigen Zugreise verschwunden. Etwas überspitzt formuliert, könnte man sagen, mein Lebenssinn ist verschwunden. Auch wenn es übertrieben klingt, fühlt es sich in manchen Momenten so an. Das stetige Gehen ist aus meinem Leben verschwunden. Trotz der langen Zugfahrt, ging der Ortswechsel so schnell, dass ich Mühe habe, in meinem Alltag in Berlin anzukommen. Die Erfahrungen vom Gehen in den Bergen klingen nach wie ein langes Echo in einem weiten Tal. Ich frage mich, wie es wohl Menschen gehen mag, die länger unterwegs sind. Wie gelingt der Wechsel in das, was vor der Wanderung Alltag war? Oder gibt es keinen Weg zurück? Vielleicht ist der Alltag nach einer solchen Tour ein anderer, muss ein anderer sein?

Auf unserem Weg trafen wir auf dem Rücken des Berges mit dem wundervollen Namen „Kuhmesser“ einen Franzosen, der die via alpinaire geht. Mit seinem schwarzen Rucksack, den er auf den Schultern trug, war er sehr zügig unterwegs. Er war nicht besonders groß und vielleicht kurz vor seinem 60. Geburtstag. Sein kurzes Haar schimmerte grau unter seiner Kopfbedeckung hervor. Seine Haut war braun und gegerbt vom Wetter. Wir trafen uns auf einem sehr steilen und schmalen Steig mit Blick ins Inntal und auf den Loassattel. Ein frischer, böiger Wind fegte an uns vorbei. Es war sehr kühl und in meinem Alltag in Berlin würde ich diesen Ort nicht für den allerbesten Ort für ein tiefgründiges Gespräch halten. In diesem Moment war es der beste Ort für eine wahre Begegnung. Er fragte uns, wieviele Wochen wir insgesamt gehen würden. Er war bereits den 29. Tag unterwegs und sein Zelt war nass vom Tau der letzten Nacht. Er freute sich auf den langen Abstieg ins Tal und darauf, seine Sachen in der wärmeren Luft des Tals zu trocknen. In der nahen Hütte hätte er bequem übernachten und seine Sachen im Trockenraum trocknen können, doch das wollte er nicht. Seine braunen Augen leuchteten, als wir mit ihm sprachen. Er schien glücklich zu sein. Ich frage mich, wie es ihm jetzt geht. Er ist ganz sicher noch immer unterwegs auf seinem Fußweg nach Monaco. 

Doch wie findet man nun das rechte Maß? Brauchen wir vielleicht sogar ein stückweit Ordnung und Struktur, um das (für uns) rechte Maß aufrechterhalten zu können?
Wenn man von einer Reise zurückkehrt, die eine völlig andere Struktur hatte, als der bekannte Alltag, kann es zunächst schwierig sein, wieder ins Gleichgewicht zurückzufinden. Wir Menschen sind sehr anpassungsfähig und wenn das Gehen für eine Zeit der Alltag war, dann gewöhnen wir uns schnell daran. Nun ist der „andere Alltag“ wieder da und es braucht wieder eine Zeit um sich an diese „neuen” Umstände anzupassen, auch wenn sie eigentlich bekannt sind. Wenn wir geduldig mit uns sind, wird die Anpassung gelingen. Dabei ist so eine Reise auch eine gute Gelegenheit zu prüfen, welcher Alltag sich jetzt für mich stimmig anfühlt. Durch das Unterbrechen der eigenen Gewohnheiten, wird Veränderung leichter möglich. Wir können in jedem Moment neu entscheiden, was sich jetzt stimmig anfühlt.
„Erkenne dich selbst!“ ist ein Rat für ein gutes Leben, der dem antiken Philosophen Sokrates zugeschrieben wird. Wenn ich behaupte, dass es wichtig ist zu wissen, was mir gut tut und dann danach zu handeln, stehe ich also in einer guten und langen philosophischen Tradition. Denn nur, wenn ich mich selbst kenne und weiß, welche Situationen und Momente mir Kraft geben, mich nähren – und welche Situationen und Momente mir Kraft rauben, mich zehren, dann kann ich für mich eine gute Entscheidung treffen. 
Eine interessierte Selbsterforschung scheint für mich auf diesem Weg der erste Schritt zu sein. Das wahrnehmen, was ist und nicht das, was ich gern sehen würde. Durch das Erforschen selbst herausfinden, wieviel Wasser es braucht, damit mein Organismus gut funktioniert. Durch das Erforschen selbst herausfinden, wieviel Bewegung und welche Art von Bewegung es braucht, damit ich mich wohlfühle. Durch das Erforschen selbst herausfinden, welche Art und Menge von Reizen mir gut tut. Durch das Erforschen selbst herausfinden, welche Art von Alltag jetzt in meinem Leben stimmig ist. Und sich dann ein Leben einrichten, das zu einem passt. 

Berlin, 14.07.2019